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Full text of "Die Eneide Heinrichs von Veldeke und der Roman d'Eneas"

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X FOREIGN 
4 DISSERTATION 


1ER 92 695005 iin 


Die Eneide 
Heinrichs von Veldeke 
und der Roman d’Eneas 


Inaugural-Dissertation 


zur Erlangung der Doktorwürde 
der Hohen Philosophischen Fakultät 
_ der Universität |Leipzig 


von 


Wilhelm Wittkopp 
aus Köthen in Anhalt 


— 
ci 
Universitätsverlag von Robert Noske in Bun: eipzig 
1929 | 


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Aufesonmen von der L Seklon der päilslgch-hitorschen Abtelng 
e (der Pllophischen Fakultät u Grund der Geachten 
er Haren Joller und Becker 


Leipaig, den 22 Februr 1928 


Moll, 4. Dekan 
der pillelch iterschen Abtelung 
der Pileropkichen Fakt 


Meinen Eltern 


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Inhalt. 


Literaturverzeichnis . 
Einleitung 


. Die Schilderung 


1. Das höfische Element 
2. Der ritterliche Lebensstil . 
3. Nachrufe von Toten . 


. Schilderung von Dingen der Umwelt . 
ID. 
IV. 24 
. Die Minneauffassung Veldekes . 


Die Schilderung gegenüber den Zeitgenossen 
Wahl der Farbe . 


1. Die Didoepisode 
2. Die Laviniaepisode 


. Syntax. 


Zusammenfassung. 


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11. 
12. 


Literatur. 


. Heinrich von Veldeke, herausgeg. von Ludwig Ettmüller. Leipzig 


1852. 


. Eneas, publi6 par Jacques Salverda de Grave. Bibliotheca Normannica 


IV. BHalle 1891. 


. Lamprechts Alexander, herausgeg. von Karl Kinzel. Halle 1884. 
. Hartmann von Aue, herausgeg. von F. Bech. Deutsche Klassiker 


des Mittelalters. I. Erec der Wunderzre. Leipzig 1893. 


. Eilhart von Oberge, herausgeg. von Fr. Lichtenstein. Straßburg 1877. 
. Barker Fairley, Die Eneide Heinrichs von Veldeke und der Roman 


d’Eneas. Diss. Jena 1910. 


. Olga Gogala di Leesthal, Studien über Veldekes Eneide Acta 


Germanica Heft 5. Berlin 1914. 


. Hubert Roetteken, Die epische Kunst Heinrichs von Veldeke und 


Hartmanns von Aue. Halle 1887. 


. J. Firmery, Notes Critiques Sur Quelques Traductions Allemandes 


de Po&mes Frangais Au Moyen-Age. Paris-Lyon 1901. 


. Jan van Dam, Zur Vorgeschichte des Höfischen Epos (Lamprecht, Eilhart, 


Veldeke). 1923. 

Jan van Dam, Das Veldekeproblem. 

Felix, Eilhart von Oberge und Heinrich von Veldeke. Programm des 
Gymnasiums zu Stendal 1895. 

Dr. Schmuhl, Beiträge zur Würdigung des Stiles Hartmanns von Aue. 
Programm Halle 1881. 


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Einleitung. 


Firmery) wirft den deutschen Germanisten (besonders Maßmann 
und seiner Ausgabe des Eraclius) vor, daß sie die mittelhochdeutschen 
Dichtungen zu sehr als Originale betrachtet hätten. Ohne Prüfung 
gegenüber dem französischen Text hätten sie dann immer auf die 
Überlegenheit des deutschen Textes geschlossen. Sie haben jedesmal 
erwiesen (S. 10) 

1. que le traducteur, je veux dire le «poete» ou «l’artiste» 

allemand est original; 

2. qu’il est superieur au narrateur frangais. 

Firmery freut sich sehr darüber, daß deutsche Romanisten wie 
M. Förster durchaus seiner Ansicht sind, daß nämlich fast alle mhd. 
Übersetzungen von den frz. Originalen abhängig seien und gerade 
seine „Notes Critiques —“ wollen zeigen, — que la dependance 
de ces traducteurs — de ces imitateurs, si l’on y tient — est 
beaucoup plus grande qu’on ne le soupconnerait d’apres ces travaux 
(8. 12). 

Der frz. Gelehrte geht so weit, daß er Behaghel und Golther 
sogar nationalistische Vorurteile vorwirft, und im weiteren Verlauf 
faßt er seine Untersuchungen über Veldeke in die Sätze zusammen: 

Il est incontestable, d’une part, que l’Eneide de Veldeke est 
une traduction du Roman d’Eneas, et une traduction qui, en 
general, suit son original pas & pas; d’autre part, ne 
serait-ce que par le fait que cette traduction est une traduction en 
vers, il est non moins incontestable que cette traduction se permet 
ca et la certaines libertes. Que le nombre de ces libertes soit aug- 
mente ou diminu& de quelques-unes, le caractere generale de la 
traduction n’en sera pas change. La traduction allemande est d’une 
extraordinaire prolixite, bourree de chevilles, surchargee d’epithetes 


*ı) Notes Critiques sur- quelques traductions allemandes de po&mes fran- 
cais du moyen-äge. 1901. 


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inutiles et peu variees, et abondante en repetitions de toute sorte 
(S. 17). Er zieht Veldeke nochmal auf eine Formel zusammen, in- 
dem er als das Wesentliche der Übersetzung Veldekes die Weit- 
schweifigkeit nennt (S. 21): 


le caractere dominant de la traduction de Veldeke est la pro- 
lixitö und alle Erweiterungen sind eben nichts anderes als un pur 
allongement de la matiere (S. 33). 


Ich sehe in meiner Arbeit völlig ab von Firmerys Fragestellung, 
ob der deutsche Dichter „original“ ist oder „traducteur“, da diese 
Begriffe heute nicht mehr zureichen, um die Stellung eines Dichters 
aus dem 12, Jahrh. zu seiner Vorlage zu charakterisieren. Ich will 
vielmehr gerade die „prolixit6“ als Eigenheit Veldekes in einem ganz 
bestimmten Sinne im genauen Vergleich mit dem frz. Dichter, aber 
auch mit einigen Zeitgenossen abheben. Vielleicht kommt man so der 
vielumstrittenen Gestalt Veldekes etwas näher. 


L. Die Schilderung. 
1. Das höfische Element. 


In neuerer Zeit hat Fairley in seiner Dissertation nachzuweisen 
versucht, daß für den Geist der Dichtung nächst der nationalen Ge- 
sinnung die gesellschaftliche Stellung Veldekes bestimmend gewesen 
sei. Eine große Anzahl von Versen sind allein aus dem aristokra- 
tischen Gefühl des Dichters entstanden (S. 26). Diese Behauptung 
kann aber nur zum Teil aufrechterhalten werden; denn bei einem 
genauen Vergleich des altfranzösischen und des mhd. Textes 
sieht man, daß Veldeke hier und da das höfische und aristokratische 
Element unterdrückt. Es handelt sich eher im Roman d’Eneas um 
ein gewisses Hochrittertum trotz der rohen Ausdrücke und höhnischen 
Reden oder der ungeziemenden Situationen, die Fairley gerade zum 
Beweis seiner Behauptungen heranzieht. Gleich im Eingang der 
Eneide betont der frz. Dichter das Standesgefühll. Bei der Zer- 
störung Trojas werden weder Grafen noch Fürsten geschont: 


14. n’espargnoent prince ne conte 
ne lor aveit mestier parages 
ne hardemenz ne vasalages. 

Veldeke macht daraus: 

10. manech wib unde man 
beleib da jamerliche töt. 

15. der vile lutzel dä genas. 


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26. dä ne mohte nieman genesen 
der gesunden noch der siechen. 

Die Trojaner werden nach ihrer Flucht von Troja bei Dido in 
Karthago gut aufgenommen. Veldeke spricht von ihr ganz allgemein 
als einer „frouwen“: 

288. daz lant si berihte 
sö iz frouwen wol gezam. 
Der Franzose vergleicht sie (gles) mit Königen und hebt dadurch 
ihre besondere Stellung hervor: 
379. mielz nel traitast cuens ne marchis, 
onc ne fu mais par une femme 
mielz maintenue enors ne regne, 
Dido erkennt auch an Eneas lauter ritterliche Eigenschaften, als sie 
in der folgenden Nacht an ihn denkt. Sie hat Sinn für das Äußere, 
für das Gesicht, den Körper, die Gestalt und seine Taten: 
1225. son vis, son cors et sa figure 
ses diz, ses faiz, sa parleure 
und als sie nach dem Namen ihres Geliebten gefragt wird, sagt sie 
nicht einfach Eneas wie Veldekes Dido, sondern sie antwortet aus 
ihrer höfisch-ritterlichen Welt heraus: es ist der trojanische Vasall 
und an Geburt, Reichtum und Tapferkeit kann sich keiner mit ihm 
vergleichen : 
1282, ce est li Troiens vasals 
1295. ni vi home de nul parage 
tant fust riches ne proz ne sage. 
Bei einer Jagd werden Eneas und Dido vom Gewitter überrascht. 
Die „gesellen“ werden voneinander getrennt: Ä 
1812. des müste manegen enden 
gesundert werden balde 
di gesellen in dem walde. 
Der Franzose bringt dafür einen Vergleich aus dem ritterlichen Leben: 
1511. Fuiant s’en tornent plusors parz; 
li plus hardiz i fu coarz 
li plus vasals de peor tremble. 
Nach der Liebesvereinigung der beiden erwähnt Veldeke ganz nebenbei, 
daß „die hören after lande“ der Dido gram sind. Im Roman d’Eneas 
aber wird das Standesgefühl herausgekehrt: 
1582. — li baron 
li duc, li prince, li contor 
sind ihr gram, weil Dido einen Mann von niederem „preis“ vorge- 
zogen hätte: 


$) 


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1586. qu’ele les a toz refusez 
por un home de plus bas preis. 
Eneas kommt vor der Höllenfahrt zur Sibille: 
2741. dö sagete her ir rehte 
sinen namen und sin geslehte. 
Im R. wird besonders die göttliche Sendung und Abstammung betont: 
2275. m’ont ga li deu a tei tramis, 
ge sui prochains de lor lignie 
nez sui de Troie l’essiliee. 
In der Unterwelt trifft Eneas mit seinem Vater Anchises zusammen 
und der zeigt ihm seine Nachkommenschaft. Von Lavinia soll er 
einen Sohn haben: 
3638. Silviüs sal her genant sin 
Dem frz. Dichter genügt das nicht und er verspricht ihm deshalb 
mehr, Silvius soll König werden und wieder Vater von Königen: 
2940. Silvius a nom avra 
il sera reis et de reis pere 
et si tendra d’Albe l’empere. 
Silvius wird einen Sohn erhalten und dieser soll dem Vater an Name, 
Tapferkeit und Schönheit gleichen: 
2944, cil ki forment te portraira 
de nom et de grant piete 
et de proece et de belte. 
Für Veldeke ist dies nichts, denn dieser Sohn soll seinem Vater an 
Haut und Haaren gleichen: 
3646. Der sal dir gelichen al 
an hüte unde an häre 
von siten und von sinnen. 
Von Silvius Eneas stammen 
3655. Die mären güten knehte. 
Im R. aber: 
2947. Silvius Eneas. 
molt i avra riche baron 
de lui naistront et reis et dus. 
Diese voneinander grundsätzlich verschiedene Art der beiden Dichter 
läßt sich auch weiter verfolgen. Ehe Turnus den Kampf mit seinem 
Nebenbuhler Eneas beginnt, versorgt er sich mit Waffen und läßt 
Verbündete kommen. Unter ihnen ist Mezentius. Veldeke sagt ganz 
allgemein, daß er 1000 Ritter mitbringt (Z. 5014). Der frz. Dichter 
betont dagegen die besondere Stellung von Mezentiüs: er war ein 
Fürst, dazu reich und zum Kriege sehr geeignet: 


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3909. Mesenciüs .... 
il ert uns princes d’altre terre, 
riches oem fu et duiz de guerre. 
Wie sehr Veldeke bemüht ist, das Standesgemäße zu tilgen, zeigt 
das folgende Beispiel. Eneas wird bei Latinus gut aufgenommen. 
Die freudige Nachricht davon teilt er nicht etwa seinen Baronen 
und Fürsten mit, sondern 
4118. her sagetez sinen mannen 
armen unde richen 
allen geliche 
dem minnern und dem mören. 
Dö wart under den hören 
ein wunne vile gröze. 
Die müden hüsgenöze 
worden alle vile frö. 
Selbst bei den allergewöhnlichsten Sachen betont der Franzose den 
Reichtum und die Schätze der höher stehenden Personen. Eneas 
flieht aus Troja und nimmt nach Veldeke 
127. sin güt mit. 
Im R, 50. — ses tresors en fist porter; 
grant aveir et granz manantises 
et granz richeces en a prises. 
Dido entweicht vor ihrem Bruder nach Kartago: 
304. dö nam si michelen schat 
unde ein lutziles here 
und für mit schiffen uber mere. 
Der frz. Dichter betont viel voller: 
387. Cele s’en est par mer foie, 
molt ot grant gent en compaignie, 
porte en a molt grant tresor 
pailes et dras, argent et or. 
Dido erobert dann Kartago 
403. par sa richece 
par son engin, par sa proece. 

Dem standesgemäßen "Gefühl entspricht selbstverständlich ein 
Sinn zur Etikette. Bei der Begrüßung des Eneas durch Dido wird 
uns im R. genau erzählt, daß Dido ihm entgegengeht, er tritt vor 
und grüßt sie. Er faßt sie bei der Hand und beide trennen sich 
schließlich von den andern: 

721. contre lui est Dido venue; 
il vait avant, si la salue. 
Ele le prist par la main destre; 


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en l’entaille d’une fenestre 
se sont loing des altres asis. 
Veldeke ist dies zu umständlich. Er begnügt sich mit einem Satz: 


728. si enphieng in minnechliche 
und dar zü alle sine man, 
und beim darauffolgenden Festessen sagt er ganz einfach: 


888. man enmohte niht gezellen 
diu rihte noch daz trinken. 
Der frz. Dichter aber erwähnt, daß man sich vor dem Essen die 
Hände wusch. Danach werden die Tische abgeräumt und der Saal 
erstrahlt im Lichterglanz. Umsomehr Sinn hat Veldeke für das nicht 
von der höfischen Etikette eingeengte Essen. 


Die Trojaner landen in Italien; sie suchen an der Küste Nahrung, 
finden nicht viel und nehmen daher mit ihren kärglichen Vorräten 
vorlieb: 
3041. del pain pristrent et des crosteles 

tables en font et escueles, 

sor lor tables metent lor mes. 
Was macht Veldeke daraus? Mit aller Umständlichkeit erzählt er, 
daß sie sich bequem hinsetzen, sie nehmen das Brot 


3751. unde legetenz üf ir schöz. 
von dem bröte sie sniden 
schuzeln vile reine, 
gröze unde kleine, 

| 
dar üf legeten sie dö 
ir fleisch unde ir vische 
sine heten ander tische 
niwan ir knie unde ir bein. 
Zusammen mit dem Fleisch essen sie sogar die Schüsseln, solchen 
Hunger hatten sie, und Veldeke meint dazu: 


3762. daz gemarkte ir dehein 
aller der die dä säzen 
dö sie daz fleisch gäzen, 
die schuzzeln äzen sie dar nä. 


Wie sehr der Franzose auf Etikette bedacht ist, zeigt die Tat- 
sache, daß er extra erwähnt, daß Dido von vier Grafen in ihr Schlaf- 
gemach begleitet wird und daß sie außerdem noch Töchter von 
Königen und Grafen bei sich hat: 


1213. Quatre conte l’en ont menöe 


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1214. en sa chambre s’en est entree, 
c. douzeles i ot de preis, 
filles de contes et de reis. 

Vor der Jagd des Eneas und der Dido erzählt Veldeke von 
ihrer Kleidung in seiner charakteristischen Art. Dies interessiert 
den frz. Dichter weiter nicht, ihm genügt es, daß der Trojaner 

1496. ne resemblot de rien vilain. 
Vorher betont er aber die Form, daß Dido aus dem Saal heraus- 
geführt wird: 

1481. drei duc la meinent de la sale. 


2. Der ritterliche Lebensstil. 


Die ritterlichen Attribute der Helden gibt Veldeke ebenfalls 
anders wieder: 
8284. des kuneges sun Pallas ist in der Vorlage: 
6492. Pallas li proz, li bels, li genz oder Lansüs 
3914. uns dameisels proz et gentiz 
verliert auch die ritterlichen Bestimmungen und bleibt nur 
5019. der schöniste jungelink. 
Eneas ist für Lavinia 
9863. der minnesälege Troiän 
wie wart her ie sö wol getän, 
hern mohte niemer schöner sin. 
Im R. dagegen ist er der durch Tapferkeit Berühmte: 
8051. molt li senbla et bel et gent 
| 


le loent tuit par la cite 
et de proece et de belte 
bien le nota en son corage. 

Der frz. Dichter vereinigt also Schönheit und Tapferkeit mitein- 
ander; Veldeke hat nur Sinn für die Schönheit. Die Eigenart beider 
Dichter zeigt sich besonders gut bei der Beschreibung der Kamille. 
Die Schönheit der Kamille erwähnt der Franzose nur beiläufig, um- 
somehr hebt er ihre Tapferkeit hervor: 

3961. Camille.... 
a grant merveille par fu bele 
et molt esteit de grant poeir 
ne fu femme de son saveir. 
Molt ert sage, proz et corteise 
et molt demenot grant richeise 

3969. molt ama chevalerie 

83976. ne fu femme de sa vaillance. 


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Für Veldeke ist nur die Schönheit der Kamille maßgebend, die 
Tapferkeit und den Reichtum unterschlägt er völlig; Kamille ist: 


5116. ein maget wol getäne, 
verwizzen unde reine. 
sie was iemer eine 
der schönisten juncfrouwen. 
5123. wol gewassen genüch. 
Eneas sandte Boten zu Dido und reitet dann selber hin. Er wählt 
sich eine Begleitmannschaft von 500 Rittern aus. Es ist nun 
sehr kennzeichnend, daß nur im Anfange etwas von ihrer Tüchtig- 
keit gesagt wird. Es ist für sie viel wichtiger, daß sie gut sprechen 
und sich benehmen konnten usw. 


674. an den het her die fromecheit 
vil ofte erfunden, 
daz si vil wol kunden 
sprechen unde gebären 
und edele lüte wären 
— — — sö wol getän 
ob sie vor den keiser solden gän. 
Der ritterliche Lebensstil wird also völlig überdeckt durch eine 
ästhetische Haltung, bei der Schönheit mehr gilt als ‚Tapferkeit. 
Eneas reitet mit seinen Leuten in Kartago ein; sie loben nun an 
der Burg nicht etwa Festigkeit, Stärke und gute Lage, sondern sie 
702. dühte in vil lussam 
üzen und innen. 
Die Straßen der Stadt findet er vile breit (708.) und dazu noch: 


710. manich hüs wol getän 
und manich riche palas. 
Von der Zerstörung Trojas wird schon vorher gesagt: 


16. manech riche palas 
wart dä zefüret 
von marmore gemüret 
unde manech güt hüs. 
Nach dem Kampf mit Tyrreüs plündern sie dessen Haus, Veldeke 
erzählt recht breit: 


4795. grözen roub si nämen 
und swaz si ane quämen 
daz was allez verloren. 
vihe, fleisch unde koren 
mele, bröt unde win. 

Im R. steht ganz kurz: 


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3774. tot on rob& et tot on pris 
mil somiers ont chargie de ble. 
Wo sich der Franzose mit wenigen Worten beschränkt, da füllt Veldeke 
auf durch Worte, die alle dem alltäglichen Leben entstammen: Mehl, 
Brot, Wein, Häuser von Marmor usw. Vor den Ausdrücken der 
ritterlichen Welt hat er fast eine Scheu. Ich hatte schon vorher 
gezeigt, wie er die Tapferkeit der Helden zugunsten der Schönheit 
unterdrückte. Ganz ähnlich vermeidet er Worte der Hochsprache 
und gibt sie viel gewöhnlicher wieder. Dido hat einige Male die 
Attribute. 
560. la reine | Dafür schreibt 447. die frouwe und 


1198. la reine Veldeke: 1225. frouwe Dido. 
Anstatt 2297. Sire 2749. edel jungelink 
7073. Dame 8922. frouwe maget. 


Im frz. Text werden die Mannen mit Seignor angeredet: 
6545. Seignor | „,..; ; 
4115. Seignor | Bei Veldeke wird daraus: 
8405. liebe frunt min. 
65291. lieben frunt min. mine lanthören. 
5302. mine mäge und mine man. 


83. Nachrufe der Toten. 


Vergleicht man die Nachrufe der Toten miteinander, so bekommt 
man am besten ein Bild vom Lebensgefühl der beiden Dichter. Selbst 
hier kann sich der französische Dichter vom Gedanken an den Körper, 
den Ruhm und die Ehre nicht freimachen. Nach der unglücklichen 
Liebe mit Eneas ersticht sich Dido. In den letzten Augenblicken 
denkt sie an nichts anderes als daß sie nun ihre Ehre, Macht, Namen 
und Ruhm verliert: 

2051. ci lais m’enor et mon barnage, 
ci deguerpis senz eir Cartage, 
si perc mon nom, tote ma gloire. 
Wie stark die ritterliche Welt im Roman d’Eneas überwiegt, ersieht 
man daraus, daß an der Bahre des Pallas die Waffen der von ihm 
getöteten Krieger gezeigt werden. Eneas’ Boten rühmen auch seine 
Tapferkeit: 
6285. com il fu proz 
com il faiseit chevalerie. 
Darüber freuen sich auch die Eltern: 
6292. Quant il oirent reconter 
de lor enfant tels vasalages 
tels proeces et tels barnages —. 


Wittkopp 2 9 


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Der Vater trauert nicht um den Verlust seines Sohnes, sondern er 
fragt, wer wird nun mein Reich und meine Ehre halten. 
6304. Ki maintendra or mon pais, 
mon realme, tote m’enor 
dont tu fusses eir alcun jor? 
Bei Veldeke läßt Eneas zwar auch die Waffen und Beutestücke des 
Pallas zusammentragen, aber diese werden nicht mehr vorgezeigt vor 
den Eltern, sie sind ganz in Vergessenheit geraten. In der Klage 
des Vaters ist das kriegerische Element mit dem Lobe der Tapferkeit 
ausgeschaltet. Der Sohn war seinem Herzen ein Licht, und Freude 
und Wonne sind jetzt hin: 
8092. dü wäre mime herzen ein lieht, 
daz nü vil gar erloschen is 
| 


nü is mir immer mör benomen 
froude unde wunne. 


| 
dü wäre ein kint und ein man, 
daz unstadelich was. 


8110, dir gienk Ben zu 
din tugent unde din sin. 
Die Klage über Kamille ist ähnlich; Turnus 
7375. — gentiz pucele; 
tant estiez corteise et bele, 
taut amiez chevalerie, 


Ne fu ne de nul parage 

ki enpreist tel vasalage, 

ne ki de ce s’entremeist. 
7400. D’altres femmes estiez flors, 

onkes nature, ce me senble, 

en un cors n’ajosta ensenble 

si grant proece o grant belte 


molt par esteient dessenblable 

vostre valors de vostre aage 

vostre vis de vostre corage 

vos estiez une donzele 

corteise et avenanz et bele, 

si estiez hardie et forte. 
Tapferkeit, Schönheit und Lob höfischer Tugenden stehen gleich- 
geordnet nebeneinander bei dem frz. Dichter; Veldeke erwähnt kein 
Wort von ihrer Tapferkeit, nur das Lob der Schönheit bleibt, und 


10 


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ähnlich dem Nachruf von Pallas’ Vater nimmt das Tugendhafte einen 
breiteren Raum ein: 


9252. — Kamille, 
schönes bilde, reiniu maget 


9266. aller tugend und sinne 
der hetest dü genüch. 


und 9276. dorch dine manege tugent güt 
und dorch din lobelichen sin 

hätten dich die Götter eigentlich besser beschützen müssen. Man 
kann sagen, daß im Roman d’Eneas der Rittergedanke als ästhe- 
tisches Ideal durchaus im Mittelpunkte steht. Ehr- und Ruhmsucht 
haben noch nichts von ihrer Kraft eingebüßt. Die Tapferkeit, Macht 
und Ritterlichkeit lobt man um ihrer selbst willen ohne irgendeine 
Motivierung. Veldeke läßt dies weg. Sollte das nicht einen Grund 
haben? Dazu kommt, daß er gerade das ethische Moment betont, 
die Tugend nimmt den größten Raum ein, und wer viel Tugend hat, 
den müßten eigentlich die Götter schützen im Kampf, so motiviert 
er in der Leichenklage um Kamille. Als Turnus gefallen ist, klagen 


9772. — sa gent et ses barons 
um ihn. Veldeke gibt diese höfischen Worte durch „frunde“ wieder. 
In der Klage selbst schieben sich kriegerische und ethische Ausdrücke 
merkwürdig ineinander. Die letzteren überwiegen natürlich. Eine 
frz. Parallelstelle fehlt leider hier. 


Die Trauer um Turnus ist sehr groß 


12408. wande nehein sin genöz 
mer tugende nie gewan, 
wie her wäre ein heidensch man. 


her was des Then ein degen, 
küne unde mahtich, 

wise unde bedahtich, 
getrouwe und wärhaft, 
milde unde örhaft 


ein lewe re mütes, 
ein ekkestein der ören, 
ein spiegel der hören 

her hete wol getänen lib, 


| 
her hete in siner jugende 
üz erwelder tugende 
wol zehener siner gnöze teil.... 


2* 11 


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IL. Schilderung von Dingen der Umwelt. 


Der ritterliche Lebensstil der frz. Vorlage wurde von Veldeke 
durch einen andern ersetzt. An den ritterlichen Grundton erinnerte 
er sich nur zeitweise. Das Höfische und Konventionelle lag ihm auch 
nicht. Umsomehr Sinn und Geschmack gewinnt er den Dingen des 
täglichen Lebens ab. Mit einer fast verschwenderischen Fülle von 
Worten beschreibt er ihre Pracht. An Pallas’ Grabe wird z.B. eine 
Lampe angebracht: 

6510. une lanpe ot desor pendue.... 
Veldeke übersetzt fast wörtlich: 
8298. ein lampade wart dö gehangen 
über Pallases grab. 
Er setzt aber nochmal an, um zu erzählen, wie eigentlich die Lampe 
aussieht. Die bloße Tatsache genügt nicht: 
8302. diu lampade was ein jachant, 
sie ne was niht glas 


der jachant röt als ein blüt.... 
Ähnlich ist es bei der Rüstung des Eneas, die Vulcan herstellt: 
4361. de fer fist une rei sotil. 
molt en furent delgie li fil. 
Veldeke 5598. ein netze hiezer werken 
von silber und von stäle 
und fängt dann nochmal an: 
5602. ein netze sö getän 
als ich ü sagen nach, 
daz manz küme gesach, 
sö cleine wärn die dräte, 
Die Bahre der Kamille besteht aus dem Zahn eines Fisches: 
1443, Les barres et li dui limon 
furent de la dent d’un peisson. 
Veldeke sagt, wie sie aussieht; er gibt die einzelnen Teile an: 
9230. die boume wären vile güt 
von helfenbeine, 


gnüch lank und niht kleine. 
| 
sidın wären diu seil 


diu besten diu man ie gesach. 
Dazu noch 9246. ein phelle sarrazine 
grözen unde langen. 
Während das Grab im Roman d’Eneas 
7566. n’i ot fenestre ne verrine 


12 


Go gle 


weiß Veldeke, daß 


9858. ez hete in vier sinne 
güter venster viere 
von granäte und von saphiere.... 


es folgen dann Aufzählungen von Edelsteinen. Die Pfeiler sind mit 
Vögeln besetzt: 


7552. li pilers fu tailliez toz 
& flors, a biches, a oisels, 
et ensement li chapitels. 
Die Tiere läßt Veldeke weg: 
9354. — ein philäre 
von marmor vierzich vüze hö. 


dar üffe lach ein simezstein, 

sinewel, siben füze breit. 
und mit der raffiniertesten Genauigkeit, gibt er an, daß man dö 
sworhte 


9338. ein geworke, daz sich breite 
al umbe in allen siten 
enlenge unde enwiten 
ze iegelichem steine 
güter spannen eine. 
der meister mäzetez also. 
ez wart vierzich füze hö. 

s und zweinzich wit enbinnen. 
ez wart geworht mit sinnen 
unde was vil zierlich. 
dä unden was der esterich 
al von edelen steinen 
grözen unde kleinen. 


Dem Franzosen fehlt die Angabe der Genauigkeit. Er sagt, sie 
machen 
7556. — une oevre ki s’eslaise; 
fors s’eslaisot bien igalment 
tot environ reondement; 
tot a compas tant s’estendeit 
que en toz sens vint piez aveit. 


Bei der Beschreibung des Pferdes der Kamille werden ebenfalls die 
Sattelbogen und der Sattel weiter ausgeführt als in der frz. Vorlage. 
Charakteristisch ist dabei die Angabe ze mäzen enge unde wit, die 
Veldeke öfter macht, 


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5239. Der satel, der dar üffe lach, 
der was als ich ü sagen mach 
vore wär und ungelogen: 
im wären die satelbogen 
güt von helfenbeine, 
gezieret mit gesteine, 
ze mäzen enge unde wit 
und endlich 5250. die darmgurteln wären sidin, 
veste unde lange. 
Der Roman d’Eneas begnügt sich mit wenigen Worten: 
4075. La sele ert buene, et li arcon 
furent de l’uevre Salemon, 
a or tailliö6 de blanc ivoire. 
4081. D’un brun paile audens les cengles. 
Wenn man aus all diesen Stellen lediglich als charakteristisch Veldekes 
„la prolixit6“ herauslesen wollte, so würde man ihm unrecht tun. 
Die Weitschweifigkeit trifft doch immer mit dem Bestreben zusammen, 
bis ins kleinste alles anzugeben. Nach der Beerdigung des Pallas 
läßt der König das Grab zumauern 
6527. si fist li reis l’uis estoper, 
qu’on n’i peüst ja mais entrer. 
Veldeke zählt genau das Material auf: 
8360. dö wart vermüret daz tor 
mit kalke und mit steinen 
grözen unde kleinen, 
die veste wären unde hart. e 
Kurz vorher wird erzählt, daß in der Lampe, die das Grab erhellt, 
ein Stein ist — une piere que l’en alume — 6515. Veldeke spricht 
von (8312) einem edilen steine, 
niht ze gröz noch ze kleine. 
der stein is vile türe. 
Ascanius reitet zur Jagd und nimmt sich 20 Gefährten mit. Diese 
Ritter haben auch Waffen bei sich, weil sie die Gegend nicht kannten. 
3578. car ne saveient la contree: 
il n’aloent pas por vener, 
mais por le dameisel guarder. 
Veldeke zieht die ganze Sache anders auf; er erzählt, wie ihre Aus- 
rüstung aussieht; Ascanius hat 
4536. zweinzich jungelinge 
willich zu dem dinge, 
biderbe unde wol gezogen. 
si fürden kocher unde bogen 


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und vil scharphe strälen 
und swert mit schönen mälen 
und braken vile güte. 
ir rocke unde hüte 
wären grä schäfvare. 
Ascanius trifft während der Jagd auf Tyrreüs. Der hat zwei Söhne 
und eine Tochter: deuz filz et une fille aveit 3530. Veldeke gibt 
uns dafür eine Charakteristik, die bloße Aufzählung oder Erwähnung 
genügt nicht. Tyrre&üs 
4562. — hete bi sinem wibe 
zwene sune hörliche. 
al ne wären sie niht riche, 
si wärn vil güte knehte, 
von edelem geslehte, 
stark unde schöne, 
wise und köne.... 
Bei Aventinus, dem Freunde des Turnus, begnügt sich ganz ähnlich 
der frz. Dichter mit dem Namen Z. 3919. Veldeke aber beschreibt 
ihn, wie er aussieht. Er ist also in gewissem Sinne viel visueller 
als der frz. Dichter, denn er gibt fast keine Sache ohne irgendeine 
Bestimmung an: 
4563. Aventinus der märe, 
man saget uns daz her wäre 
hobisch unde £rhaft 
küne unde wärhaft. 
Und nur aus dieser Eigenheit Veldekes heraus läßt es sich erklären, 
daß er den Kampf zwischen Turnus und Pallas unterbricht. Im R. 
steht an der entsprechenden Stelle nur, daß keiner so tapfer wie 
Pallas war: 
5659. onkes uns oem de son aage 
n’ot graignor los de vasalage, 
ne ne fu uns de sa valor. 
Veldeke gibt uns dafür ein Bild seiner Kleidung: Er ist natürlich 
1282. wol gewäfent, aber wichtiger ist, daß 
7288. phellin was sin wafenrok 
unde sin zeichen was 
cindäl grüne als ein gras 
und sin schilt was grüne. 
Dann erst geht der Kampf weiter. Daß Veldeke eine Kampfschilderung 
zugunsten dieser Beschreibung unterbricht, ist umso verwunderlicher, 
als er sonst alles, was eine Handlung in ihrem Fortgange stören 
würde, wegläßt. Fairley meint gerade zu dieser Stelle S. 70 Anm. 2: 


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„Veldeke verrät hier eine Neigung zum Theatralischen, die besonders 
aus den Farben hervorgeht.“ Der Satz ist nicht ganz klar und auch 
nicht richtig; denn diese Stelle zeigt weiter nichts als das andauernde 
Bestreben Veldekes, einen Gegenstand oder eine Person genau an- 
zugeben. An einer anderen Stelle erhalten wir so einmal eine aus- 
führliche Beschreibung eines Festungsbaues. Während der Reise 
einer Gesandtschaft des Eneas nach Laurente zum König Latinus 
läßt nämlich Eneas eine Burg bauen als Stützpunkt. Veldeke be- 
schreibt genau den Vorgang: 
4074. dorch den hals si grüben 


graben vile 'wite 
tiefe unde werehaft.... 
4082, berfride und erkäre 

macheten sie vile dä 

bi einander gnüch nä. 

steine sie trügen, 

ir brucke sie slugen 

ob dem graben witen, 

daz si uber mohten riten, 

beidiu riten unde gän. 
Die frz. Vorlage bleibt dagegen ziemlich kurz: 

3155. et nuit et jor ont tant ovr& 

a la trenchiere et al fosse, 

as bretesches et as paliz 

et a faire ponz torneiz.... 
Die verschiedene Art der beiden Dichter zeigt sich ganz zuletzt noch 
einmal bei der Beschreibung von Festen. Die Hochzeit des Eneas 
mit der Lavinia wird im Roman d’Eneas nur mit wenigen Worten 
gestreift. Veldecke beschreibt uns genau den Vorgang mit einer 
Unermüdlichkeit sondersgleichen. Festschilderungen sind entschieden 
seine stärksten Stellen. Der Roman d’Eneas setzt kurz ein: 

10091. Quant vint al terme ki mis fu, 

qu’a grant peine orent atendu, 

li reis ot ses amis semons 

et mande ot toz ses barons. 
Veldeke bleibt schon in den Vorbereitungen dazu stecken; er erzählt 
zuerst von Eneas: 

12595. Dö kleidete sich En£as, 
wander ein edel vorste was, 
vil riche des gütes 


| 
dar näch zierde her sich. 


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sin gwant daz was herlich, 
wand im lieb was din vart 
sö nie nehein keiser wart, 

kristen noch heiden, 


daz gwant, 

ez wäre hörlich genüch..... 
Schon die Wortwahl zeigt, wieviel Wert Veldeke auf den Putz legt: 
er kleidet sich, dann ziert er sich und zweimal setzt er an, um das 
Gewand zu beschreiben. Eneas nimmt 50 Ritter mit, die sind natür- 
lich genau so wie er prächtig gekleidet: 

12613. Funfzich ritter wol getän, 
schöne unde lobesam 
näch wärheit niht nach wäne. 


wol N mit gewande, dann erst 
und vil ritterliche. 
Veldeke beschreibt darauf ihre Kleidung in der ihm eigenen Art. 
Auf diesem Feste ist soviel Glanz und Pracht, 
12634. daz die blümen und daz gras 
dä verschinen varlös. 
Der Glanz und die Pracht rühren aber nicht von dem Leuchten der 
Ritterrüstungen her, sondern die Ritter glänzen 
12637. in manechvarwen siden 
an borden und an gesmiden. 
und an den liehten gimmen. 
Eneas reitet in Laurente ein und wird vom König mit großer Freude 
empfangen 
10096. a grant joie fu receüz, 
a Laurente l’eu a mene. 
Veldeke erzählt, worin die Freude besteht. Zum Glanz und zur 
Pracht tritt die laute Freude: Eneas reitet in die Stadt 
12645. mit hörlichem gedrange, 
mit phifen und mit gesange, 
mit trumben und mit seitspile. 
größer froude was dä vile. 
Die Tore der Stadt werden aufgetan. Zu beiden Seiten sieht man 
12653. einen wech vil langen 
mit phelle behangen. 
Natürlich sind auch viel schöne Mädchen und Frauen da, die alle 
nach der Sitte ihres Landes gekleidet sind. Während der Hochzeit 
herrscht überall laute Freude. Einige Ritter und Fürsten erzählen 
sich etwas mit den Frauen, andere besehen sich die Burg: 


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12722. sumeliche giengen schouwen 
diu palas und die torne. 
Als echte Ritter haben sie aber keine Freude an den Befestigungen, 
den festen Mauern, sie sehen sich viel lieber die seidenen Vorhänge 
in den Frrauengemächern an: 
12725. sie sägen die kemenäten. 
herlichen beräten 
mit sidenen umbehangen 
breiten und langen 
nüwe unde zierlich.. 
Auf dem Boden liegen Teppiche, herliche bereite. Darauf 
12735. die kolter von samite 
von phelle und von dimite, 
lieht unde maneger vare 
und sehr charakteristisch für ihn ist dazu die Bemerkung 
12738. man nam dä vil lutzel ware 
uf ein verblichen baldekin 
und üf käteblatin 
und üf ein aldez gewant. 
des nüwen man sö vile vant, 
daz man des alden vergaz, 
want daz nüwe zimet baz. 
Eneas küßt seine Frau, grüßt die andern und darauf erzählt Veldeke 
wieder, wie die Frauen gekleidet sind: 
12764. dä mohte man schouwen 
manegen minnechlichen lib, 
beidin magede unde wib, 
wol gezogen unde g£ret, 
wol gekleit und wol geleret 
ze werken und ze worden. 
manegen türen borden 
mohte man dä schouwen, 
die trügen die frouwen, 
wol mit golde genät 
üf die phelline wät, 
üf samit unde üf side... 
Nach diesen Vorbereitungen kommt erst der Tag der Hochzeit 
selber. Der Franzose geht kurz darüber hinweg. 
10122. la feste fu molt eshalciee; 
les noces durerent un meis,. 
Bei Veldeke kommen erst die Fürsten und Ritter von weit herzu- 
geeilt, ebenso die Spielleute.e Es war eine große Hochzeit: 


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12933. Michel was diu höchzit 
und daz gestüle vile wit. 


| 
Arme und Reiche sind in gleicher Weise zu Tische geladen: 


der kunich dö ze tische gienk 
und die vorsten (riche) edele, 
ir ieslich an sin gesedele, 
arme unde riche 

harde herliche, 


An Speise wird nicht gespart. Im übrigen herrscht fröhliches 
Leben und Treiben: 


12959. Dä was spil unde sank 
buhurt unde gedrank, 
phifen unde springen, 
videlen unde singen, 
orgeln unde seitspil 
maneger slahte froude vil. 


Es wird ausdrücklich hervorgehoben, daß Eneas die Spielleute 
in reichlichem Maße beschenkt 


12978. wander konde wole geben 
unde hete ouch daz güt, 
dar zü den willigen müt. 

Die Fürsten folgen seinem Beispiel: 


12983. ir ieslich mit siner hant, 
daz türe phelline gewant, 
golt und aller slahte schat, 
silber unde goltvat, müle und ravide, 
phelle und samide ganz und ungescröten, 
manegen bouch röten, dorchslagen goldin, 
zobel unde harmin ... 


Die Gebepflicht der Fürsten scheint Veldeke eine sehr wichtige 
Angelegenheit zu sein; denn er betont sie etwas später noch einmal 
z. 13009 ff. Bei der Schwertleite des Pallas lobt er gerade an Evander 


6253. her gab mit williger hant 
ros schatz unde gewant 
Evander der riche. 


Das Fehlen der ausgedehnten Festschilderungen im Roman 
d’Eneas zeigt Veldekes ausgesprochenen Sinn für fröhliches Leben 
und Treiben, für Festkultur mit allem Putz und Gepränge. In seine 
Zeit fällt ja auch das berühmte Mainzer Hoffest Barbarossas. Die 


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Freude an solchen Festen liegt Hartmann nicht mehr, der bemerkt 
ausdrücklich im Iwein 50: 
daz nü bi unseren tagen selch vreude niemer 
werden mac der man ze den ziten pflac. 


IN, Die Schilderung gegenüber den Zeitgenossen. 


Es ergab sich bisher als das Eigentümliche Veldekes gegenüber 
dem frz. Text, daß er ritterliche Ausdrücke durch andere ersetzte. 
Am deutlichsten trat dies neue Lebensgefühl bei den Totenklagen her- 
vor, in denen das ritterliche Element fast völlig durch ein ethisches 
verdrängt wurde. Nur ganz vereinzelt blitzte es hier und da nochmal 
auf. Man könnte sagen, dies liegt in der Zeit, und von ihr ist Veldeke 
beeinflußt worden. Zum Vergleich ziehe ich den Alexander, den 
Tristrant des Eilhart von Oberge und Hartmanns Erec heran, ohne 
natürlich auf Vollständigkeit der Stellen Wert zu legen. In allen 
genannten Epen fällt ebenfalls wieder das Überwiegen der ritterlichen 
Welt auf. Wenn z. B. die Waffen nicht einfach katalogartig auf- 
gezählt werden wie bei Eilhart Z. 5848ff. und 5869ff.,, so hören 
wir nur, daß ein Helm so fest ist, daß er nicht durchhauen werden 
kann; ein Schwert muß gut schneiden und ein Panzer besteht aus 
Stahl. Die gleiche Freude am Großen und Starken zeigt Eilhart bei 
der Darstellung der Rüstung des Tristrant: 

150. dö hiz der koning her vore tragin 
sin steline harnas, 
daz im harte lip was. 
769. — ein swert zu mäze breit: 
den stäl ez nergin vormeit, 
swä ez mit zorne wart geslagin 
ouch hiz her im vore tragin 
einen schönen schild nüwe, 
der was geworcht mit ganzin trüwin. 

Ähnliches erfahren wir von Alexanders Waffen aus dem gleich- 
namigen Epos: 

1247. sin schilt der was elfinbein, 
bezzer ne wart nie nehein. 
sin helm der was ouh alsö güt, 
daz nehein swert durh wüt. 
ouh heter umbe di siten. 
ein swert von güter sniten. 
und an der hant einen geren. 
er frumte manigen sören, 


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oder es heißt ganz allgemein 

425. er (Philipp) hiz ime wäfen vor tragen, 

sö man si under des kuninges gesinden 
allirbest mohte vinden, 

und als Alexander gegen seine Feinde kämpft, sagt uns der Dichter, 
daß er ein teures Schwert trug und daß sein Schaft groß und stark 
war (1706 ff). Diese Art Dinge zu sehen, hat natürlich Veldeke 
ebenfalls. Sie tritt aber zurück gegenüber einer mehr beschaulichen 
Haltung. Der ritterliche Lebensstil löst sich langsam auf. Die Waffen 
sind nicht ausschließlich zum Streiten da, zum mindesten bedeutet 
das nicht mehr allzuviel für ihn. Neben dem rein praktischen haben 
sie einen Eigenwert bekommen. Wichtiger als Stärke und Festigkeit 
ist das sinnliche Element: der Glanz, der auf ihnen liegt. Das Schwert 
wird beschrieben, weil es leuchtet, rein und klar wie Glas ist und 
voller Edelsteine sitzt. Diese Edelsteine müssen wiederum „mit listen“ 
oder „mit füge“ angeordnet sein. Der Unterschied wird klar, wenn 
man sich die Rüstung des Eneas ansieht: 

5670. her (helm) was lieht und wol getän, 

brün lüter als ein glas 
vil wole her geschaffen was. 
5676. dä stunt ein blüme obene 
von dorchslagenem golde, 


dar inne ein röter jachant. 

diu liste und daz halsbant 

daz was vil wol gesteinet golt. 
Im R. 

4427. O le halberc ot helme cler 

de costes d’un peisson de mer; 

molt par fu forz et bien luisanz. 
Ferner die Beschreibung des Buckels: 


5752. sie was alwiz silberin, 
geworht harde cleine, 
gezieret mit gesteine. 
smaragde und rubine, topazie und sardine, 
crisolite und amatisten, die wären mit listen 
gesetzet drin genüge. dä stunden inne mit füge 
granäte und saphiere. 

5764. der lewe was betalle röt 
der gemalet was der ane, 

und der Helm des trojanischen Priesters Chöres: 

9020. ein helm scöne und sö lieht, 

daz ne sagete man uns nieht, 


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daz her bezzer mohte sin. 
zoberst stunt ein rubin, 

und alumbe an der liste 
smaragde unde amatiste 

und vorne an dem nasebant 
ein gelwer adamant 

genüch gröz unde güt. 
dorchlühtec röt sam ein blut 
waz mach ich ü mö sagen? 
her lühte engegen deme tage. 


Die Parallelstelle im Roman d’Eneas: 


7169. (Chloreus) aveit un helme tant cler 
que uns nel poeit esguarder: 
contre soleil reflaubeot. 

Sub el pomel une pierre ot 
ki esteit bien de set colors; 
en fin or sist, taillie a flors. 


Das völlig Neue bei Veldeke ist, daß das Einzelne sehr stark 
betont wird. Die Dinge sind nichts Allgemeines mehr, sondern sie 
bedeuten etwas gegenüber dem Ganzen. Bisher begnügte sich der 
Dichter damit, anzugeben, ein Schwert ist fest und stark, oder das 
Gewand einer Frau ist herrlich und zierlich. Veldeke bleibt bei diesen 
allgemeinen Wendungen nicht stehen, sondern führt jedes einzelne 
Ding, das zum Gewande usw. gehört, auf, hebt es gegenüber einem 
andern wieder ab, so daß das Ganze aus einer großen Anzahl von 
Teilen besteht, die völlig untereinander abgeschlossen sind. Als sich 
Dido mit Eneas zur Jagd begibt, wird uns ihre Kleidung beschrieben: 


1696. ir belliz der was hermin, 
wiz unde vile güt; | 
die kelen röt alse ein blüt; 
die ermel wol ze mägen wit, 
dar üffe ein grüner samit 
nach ir libe wol gesniten, 

1715. Ir mantel der was 
ein samit grüne als ein gras; 
diu vedere wiz hermin 
daz si niht bezzer mochte sin. 
der zobel brün unde breit. 
— — ir hüt 

1727. mit grünem samite bezogen. 


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Die frz. Parallelstelle ist viel allgemeiner und nicht so ins Einzelne 
gehend. Die Aufmerksamkeit für das Kleine und Einzelne zeigt sich 
ebenfalls bei der Kleidung der Kamille: 

6156. ir hemede daz was kleine 
unde wiz alsam ein swane, 
einen röten borden trüch si ane, 
gedrungen vaste umbe ir lib. 
5164. ir mantel der was harmin, 
dar uffe ein grüner samit. 
5168. der zobel was brün unde breit. 

Die Besonderung der Dinge wird noch dadurch verstärkt, daß 
jedes Ding eine eigene Farbe hat. Die entsprechende Stelle aus dem 
Roman d’Eneas zeigt sehr gut die Verschiedenheit; denn der Franzose 
hängt am Wunderbaren. Das Material der Kleider besteht aus den 
Kehlen von Wundervögeln des Meeres (Z. 4035 —44), 


4025. — chalciee fu d’un siglaton, 
si soller furent d’un peisson 
de cent colors menu vairie; 
a or furent lie li pie, 
ses mantels fu riches et chiers 
et fu toz faiz a eschaquiers.... . 


Vorher beschreibt Veldeke von Kamille genau ihre äußere Er- 
scheinung: sie ist wohl gewachsen, 
5126. wizgele was ir daz vas 
und din scheitel vil gereht. 
daz vorhoubet was ir sleht, 
die ouchbrän brün und niht breit, 


schöne ougen und wol stände, 


| 
diu nase der munt daz kinne..... 


Diese Aufmerksamkeit für jedes besondere Ding ist äußerst 
charakteristisch für Veldeke. Das Ausmalen des Kleinsten ist seine 
Sache und der Sinn für äußere Schönheit, und es ist höchst auffällig, 
daß gerade an der frz. Parallelstelle die ausführliche Schilderung fehlt 
und dafür die Bemerkung folgt, daß Sitte und Anstand vielmehr wert 
seien als’ äußere Schönheit: 

4002. En tot le plus lonc jor d’este 
ne direie ce qu’en esteit, 
de la belt& que ele aveit 
ne de ses mors, de sa bonte 
ki valent mielz que la belte. 


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Die Eigenart Veldekes zeigt sich am besten beim Ausritt des 
Eneas zum Kampf. Lavinia zählt hier alle Sachen auf, die im Kampf 
schützen: das Haarband schützt den Kopf, der Ring das Schwert usw.: 


12019. 


12028. 


12036. 


12040, 


12045. 
12050. 


12058. 


Si sprach „het her min härbant! 
| 
hetez der helt märe 


umb sin houbet gebunden, 

sö wäre im vor den wunden 
daz houbet deste baz behüt — 
heter aber mine rise 


| 
an sinen schaft gebunden, 


daz ez wäre äne laster, 

sö wäre ouch deste vaster 
sin spere unde sin schaft, 
ouch heter deste grözer kraft. 
hete her doch mine mouve 


an den armen sinen, 
| 
— sone mohter wider in niht getün, 


wand Enöas wäre sö stark, 
daz ichz niht näme vor tüsent mark —. 
Het er (sprach si) min vingerlin, 

| 


sö gloubetich daz sin swert 
vil snite deste baz. 

heter nü disen borden, 

da mit ich gegordet bin, 
her hete maht unde sin 

ein michel teil deste mer. 


Die frz. Parallelstelle ist dagegen sehr dürftig: 


9330. 


ne sui mie de buen porpeus, 

quänt mes amis neu a ma manche; 

il en ferist molt mielz de lance; 

o se li eüsse enveie 

ma guimple, bien fust enpleie 

molt en trauchast hui mielz s’espee .... . 


Was also nur in den Anfängen vorhanden ist, hat Veldeke sehr 
verbreitert. Jeder einzelne Gegenstand hat gegenüber dem andern 
seine Bedeutung, er schützt nur einzelnes, erst alle zusammengenommen 
schützen die ganze Gestalt.e Der Sinn für das Einzelne, Bunte und 
Farbenprächtige zeigt sich auch in der Schilderung von Kamillens Waffen: 


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8732. — frou Camille, 
diu märe und diu riche, 
gewäfent ritterliche. 
8742. ir halsberge was vil güt, 
wiz lüter sam ein is, 


unde ir haben isenin. 

8747. vil schöne ir helm was, 
lüter brün alsam ein glas, 
gezieret wol mit steinen. 
ir schilt was elfenbeinen. 

8756. diu buckele was von golde, 
dar inne stunt manech edelstein, 
dä diu sunne dorch schein. 
der schiltrieme was ein borde 
genät üf einen samit. 


In der frz. Vorlage ist das alles nur in Ansätzen vorhanden. 
Die besondere Art Veldekes wird wieder klar, wenn man Eilhart 
dagegen setzt, seine Beschreibung von Isalde: 
951. si was gar wite erkant 
und was ein juncfrawe here; 
ouch kunde sie arzedie mere 
denne in dem lande ichein man. 


1036. ferre man sie bekande 
ouch lobete man sie genüg: 


sie wes behegelich und wis. 
an allen siten wol getän. 

ouch kunde sie wol begän 

ere und vromigkeit: 

sie was mit zuchtin gemeit. 
zu ir nam das ganze riche rät. 
sie was die beste arzät 

die in dem lande inne was. 


Die grundverschiedene Art beider ist klar. Eilhart faßt die 
Person von abstrakten Eigenschaften her. Er zählt uns einen ganzen 
Katalog davon auf. Isalde ist „behegelich und wis“, hat gute Sitten 
an sich, ist züchtig usw. Veldeke hingegen gab die Beschreibung 
von äußeren Gegenständen, und gegenüber der starren Aufzählung 
von Eigenschaften erfüllte er die einzelnen Dinge mit Leben. Mit 
seiner visuellen Veranlagung sieht er die Welt viel bunter, farben- 
prächtiger und vor allen Dingen wirklicher als Eilhart, dem sie nur 


Wittkopp 3 25 


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aus einer Summe von abstrakten Eigenschaften besteht. Auch sonst 
begnügt er sich bei der Schilderung von Frauenschönheiten mit ganz 
allgemeinen Redensarten. So ist z. B. Gymele 
6473. — — — daz schönste kind 
daz eir noch sint von mütir i geborn wart. 
Sie ist so schön, 
6481. daz nicht schöners mohte gelebin. 
Von Brangöne weiß er nur 
6485. Brangöne, die güte, die senftgemüte, 
die hobische und die wise 
und daß 
6522. — — — von der schönen vruwin 
irlüchtet was der tag. 
Oder von Candacia im Straßburger Alexander heißt es: 
5523. Candacia was ein kuninginne 
und lebete mit sinne. 
5851. si selbe was harte lussam 
von rehtem prise wol getän. 
sine was ze kurz noch ze lanc. 

Die sinnliche Freude am Bunten und allem, was den Menschen 
umgibt, geht den Zeitgenossen noch völlig ab. Kleidungsstücke 
werden nur selten ausgemalt. Selbst bei einem Turnier am Hofe 
des Königs Artus sieht Eilhart keine prächtigen Rüstungen, sondern 
ein Ritter Delekors wird herausgegriffen und an ihn werden allerlei 
kriegerische Tugenden herangepreßt: 

506.0 her häte eines lauwin müt 

| 

he was ein harte frome man. 

und häte vele gütis lobes: 

he was biderbe und hobisch 

und häte des landis vil ervarın 
| 

mannes werg her worhte 

mit siner creftigen hant. 


Diese Beschreibung atmet noch durchaus alte ritterliche Welt 
mit der Freude an der rohen Kraft und Gewalt. Dazu tritt das 
Interesse für das Übersteigerte und Wunderbare, der Ritter hat Löwen- 
mut, er ist ein harte from man und des landis vil ervarn. Diese 
Worte werden dann zum Schluß durch die kräftigen zwei letzten 
Zeilen besonders hervorgehoben: 

mannes werg her worhte 
mit siner creftigen hant. 


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Auch vor einem Zweikampf wird uns niemals die Rüstung irgend- 
eines Helden dargestellt, sondern ohne jeglichen Abstand geht es in 
den Kampf: Z. 5740ff. (Eilhart). Der Sinn für äußere Schönheit fehlt 
noch vollkommen. Isalde erkennt Tristrant an der roten Rüstung 
und am fremdländischen Hufbeschlag seines Pferdes Z. 1775 ff. Weiter 
sieht sie nichts. 

Dasselbe ritterliche Leben wie Eilhart hat der Straßburger 
Alexander. Er hat abstrakte Eigenschaften an sich, nirgends. zeigt 
sich auch nur ein Zug einer verfeinerteren Kultur wie bei Veldeke: 

150. strüb unde röt was ime sin här, 
näh eineme vische getän, 
den man in den mere sehet gän 
und was ime ze mäzen dicke 
und crisp als eines wilden lewen locke. 
Das Äußere ist durchaus roh: 
158. ein ouge was ime weiden 
getän näh einen trachen. 
164. swarz was ime daz ander, 
näh einen grifen getän. 
167. sin hals was ime wol geschaffin, 
sin brust starc und wol offin, 
sine arme wären ime von grözer maht 
allis sines mütes was er wol bedäht.... 

Die Farben stehen noch gar nicht für sich, sondern bedürfen 
noch der Unterstützung durch grifen und trachen. Genau solch 
kriegerischer Held ist Mennes, der wigant 

1715. der hete manlichen müt 
und was ouh ein riter güt. 
Darius schickt ihn gegen Alexander: 
1718. stolzer riter er nam 
ze sih zehen hundrit 
üz sineme here gesundrit, 
di sin solden hüten 
mit ellenthaften müten. 
und Morolt in Eilharts Tristrant 
351. der häte an sich vier manne sterke 
her was vreislich 
vil manchin her zü tode 
slüg siner viande. 

Die Kreuzzugsritterwelt mit der Freude am Wunderbaren und 
Kräftigen, den Vergleichen mit Tieren lebt hier noch. Das Auffällige 
an diesen Leuten ist die starke Brust, große Kraft in den Armen, 


g* 27 


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Gewalt und männlicher Sinn. Diese Eigenschaften sind bei Veldeke 
nahezu völlig verschwunden. In Nachrufen kehren sie nur dann 
und wann mal wieder und selbst hier sind diese rohen Ausdrücke 
sehr im Nachteile gegenüber den ethischen, siehe den Nachruf von 
Pallas. Die Tugenden spielen schon eine größere Rolle und in den 
ca. 20 Zeilen des Nachrufs wird allein dies Wort dreimal erwähnt. 

Hartmann steht Veldeke wesentlich näher als Eilhart. In der 
Art der Schilderung ähneln sich beide sehr, aber der Glanz der Ge- 
wänder und die liebevolle Ausmalung auch des kleinsten Gegenstandes 
tritt doch zurück gegenüber dem Gefühl für den Körper: 


Erec 322. der megde lip was lobelich. 
der roc was grüener varwe, 
gezerret begarwe abehzre über al 
dar under was ir hemde sal 
und ouch zebrochen eteswä. 
sö schein diu lich dä 
durch wiz alsam ein swan. 
ir lip schein durch ir salwe wät 
alsam diu lilje, dä si stät 
under swarzen dornen wi. 

Im allgemeinen zielt Hartmann niemals so sehr auf die Be- 
schreibung der Kleidung wie Veldeke. Er stellt auch die These auf, 
daß man nie eine Frau nach ihrem Gewande wählen solle, sondern 
nach der Beschaffenheit ihres Körpers: 


Erec 641. des sol niht geschehen. 
er hete harte missejehen, 
swer ein wip erkande 
niuwan bi dem gewande. 
man sol einem wibe 
kiesen bi dem libe 
ob si ze lobe stät 
unde niht bi der wät. 

Die Vorliebe Veldekes, Dinge ihrem Aussehen nach zu beschreiben, 
setzt sich bis in die alltäglichsten Gegenstände fort. Die Weichheit 
der Betten Didos wird immer wieder betont: 

1259. diu bette senfte unde weich. 
1268. daz bette senfte unde wit. 
1273. diu underzieche lederen vile weich unde vast. 
Die Parallelstelle im Roman d’Eneas heißt: 
1208. li lit furent apreste 
de covertors et de buens dras. 


23 


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Im Alexander erhalten wir ebenfalls mal eine Beschreibung eines 
Bettes im Palast der Kandacia. Da genügt es, daß die Betten aus 
Gold sind 5893 ff. oder 5447 ff. Ferner Erec 368. 

Der Sinn für die Qualität der Oberfläche kommt nur Veldeke 
zu und er hat auch Freude daran, uns dies mitzuteilen. Das Hemd 
der Dido ist 

1687. cleine, wiz unde wol genät. 
Der grüne Samt muß wohl geschnitten, wol gezieret und vil wol 
geziemieret sein mit berlen und borden und die Ärmel müssen wol 
ze mäzen wit sein 1698. Diese Art zu schildern erhält dann zu- 
weilen fast weiblichen Charakter, wenn er beschreibt, daß das Seil 
von Didos Hund aus Seide besteht, damit sie sich nicht zu schneiden 
brauche: 
1772. si warf daz seil umbe den arm 
sö lise daz ez si niene dwank, 
ez was vast und gnüch lank, 
geflohten vone siden, 
ezn mohte si niht gesniden 
an den arm noch an die hant 
noch zefüren ir gewant. 

Bei der Rüstung des Eneas wird ebenfalls erwähnt, daß der 
Schild unten mit Samt besetzt war, das ist weiter nichts Seltenes, 
da es damals allgemein üblich war, aber ungewöhnlich ist doch die 
Bemerkung, daß der halsperch so beschaffen war, daß man sich 
darin sehr gut rühren konnte 

5647. als in lininem gewant. 
Aus anderen Schilderungen wissen wir, daß die Rüstung eines Ritters 
so schwer war, daß er sie nur im Augenblick des Bedarfs anlegte. 
Auf der Heerfahrt wurde sie von Saumtieren nachgeführt (Nib. 891). 
In der Beschreibung der Gewänder tritt noch eine andere Eigenart 
Veldekes hervor: eine gewisse Gespanntheit innerhalb der Worte, 
die sich dann in den Liebesszenen wiederholt. Das Kleid der Dido 
ist ihrem Körper angepaßt und schlägt keine Falten, es 

1695. was gedwenget an ir lıb. 
Der grüne Samt ist 

1703. näch ir libe wol gesniten und der röte borden 
ebenfalls 

5159. gedwungen vaste umbe ir lib. 
Dies Feste läßt er aber nicht bestehen und setzt dem „gedwenget“ 
in Z. 1695. gleich das Extrem entgegen: 

1701. die ermel wol ze mäzen wit. 
Diese Gespanntheit fehlt im R. Da heißt es nur: 


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4021. vestue fu estreitement, 
desus fu ceinte laschement 
d’une sozceinte a or brosdee. 

Sie wiederholt sich öfter. Die Sattelbogen sind 

5245. ze mäzen enge unde wit. 

Die Borde am Halse 

1781. ze mäzen enge unde wit, 

oder der Festungsgraben 

6394. was tief und enge 

und vorher heißt es, es waren 
6355. tiefe graben und wite. 


IV. Die Wahl der Farbe. 


Kennzeichnend für Veldeke ist noch die Wahl der Farbe. Er 
vermeidet grundsätzlich alle harten und kalten Farben, kommen diese 
doch einmal vor, z. B. schwarz und weiß, so sucht er die scharfen 
Grenzen durch Hinzusetzen einer warmen Farbe zu mildern. Rot, 
weiß-gelb und ‘grün stehen an erster Stelle, also alles warme und 
helle Farben voll Kraft und Wirkung, wie sie Goethe in seiner 
Farbenlehre genannt hat. Weiß-lieht und alwiz silberin, die an und 
für sich hart, „charakterlos“* sind, kommen deshalb nie allein vor, 
sondern meist in der Zusammensetzung mit rot, und zwar „wol ge- 
mischet“. 

5139. ir varewe was lieht unde güt 
rehte als milich unde blüt 
wol gemischet röt und wiz. 
äne blank und än verniz 
(desn was ir nehein nöt), 
von natüre wiz und röt. 
Ebenso sucht er bei der Beschreibung des Buckels Z. 5752ff. das 
grelle „alwiz silberin* durch rot und Aufzählung einer Menge Edel- 
steine zu mildern, oder das Lichte, Helle am Helm des trojanischen 
Priesters Chöres Z. 9020 ff. dämpft er durch gelb, verleiht dieser Farben- 
zusammenstellung aber wieder Steigerung und Kraft durch rot. In 
der frz. Vorlage fehlt dies natürlich. Das Haar der Kamille erscheint 
ebenfalls nicht einfarbig weiß, sondern weißgelb: 
5126. wizgele was ir daz vas 
und diu scheitel vil gereht. 
die ouchbrän brün und niht breit. 
Der Roman d’Eneas hat hier schwarz und weiß als Gegensätze: 


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3989. le front ot blanc et bien traitiz, 
la greve dreite et la vertiz, 
les sorciz neirs et bien delgiez. 
les oilz rianz et trestot liez. 
Andere Dichter haben natürlich auch Farbenschilderung, das Wesent- 
liche ist nur, daß diese es noch nicht verstehen, Farbentöne heraus- 
zubringen. Sie stehen z. B. im Alexander ziemlich nebensächlich 
nebeneinander: 
5253. lieht was ir glize, 
ir röte unde ir wize 
vil verre von in schein. 

Bei Veldeke aber sind die Farben ein notwendiges Mittel ge- 
worden, um ein Ding vom andern abzuheben. Als Beispiel nehme 
ich die Darstellung von Kamillens Pferd: 

5214. daz winster Öre und der mäne 
wären im wiz als der sn&. 
6218. im was daz zewese Öre 
und der hals swarz als ein rabe. 
5222. daz houbet was im al röt 
und wol geschaffen genüch 
und ein bein röt und ein büch. 
Der Vergleich mit der frz. Vorlage ist gerade hier sehr aufschlußreich; 
denn Veldeke entnimmt aus ihr die Farbenzusammenstellung, macht 
aber etwas anderes daraus. Mit ihrer Hilfe hebt er nämlich, getreu 
seiner Art, ein Ding vom andern ab, erfüllt es mit besonderem Leben, 
so daß schließlich das Perd aus lauter einzelnen Teilen zusammen- 
gesetzt ist. In der frz. Vorlage ist diese Mosaikarbeit nicht getan. 
Das Pferd ist nicht in einzelne Teile zerspalten: 
4050. come neis ot blanche la teste, 
le top ot neir, et les oreilles 
ot ambes dens totes vermeilles. 
Die besondere Art Veldekes mit der Vorliebe für Licht, Glanz und 
Farbe wird klarer, wenn man die Schilderung von Philipps Pferd 
aus dem „Alexander“ dagegen hält: 
272. daz ros daz was wunderlich. 
irre und vil stritich 
snel und starc von gescafnisse. 


iz hete unzalliche craft. 


und unmäzliche maht. 
' 

ime was sin munt 
l 


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als eime esele getän. 

die nasen wären ime wite üf geslän. 

sine ören wären ime lanc, 

daz houbit magir unde slanc. 

sine ougen wären ime allir vare 

glich eineme fliegendiu aren.... 
Diese Stelle entspricht ganz den andern Stellen aus dem „Alexander“. 
Das Roß hat alle Eigenschaften, die es für einen Ritter brauchbar 
erscheinen lassen: vil stritich, snel und starc, es hat Kraft usw. 
Dieselbe Art zeigt sich im Tristrant: 


759. daz ros was ein edel kastelän 
gröz stark und wol getän 
mit kofirtüren wol gecleit. 
ein gerete was dar üf geleit 
mit bernischem golde. 
der zom als her solde 
was mit silber geslagen, 
mit rötem golde ubertragen. 


Dagegen deckt sich fast Hartmanns Beschreibung von Enitens 
Reitpferd aus dem Erec Z. 7290 ff. mit der Veldekes. In dem Farben- 
gewande erscheinen auch andere Gegenstände Die einzelnen Teile 
machen dabei wieder das Ganze aus. Im Tristrant wird einmal er- 
zählt, daß zwei Pferde eine Bahre tragen: 


6499. .... eine bäre, 
die was mit golde wol beslagin. 
Veldeke beschreibt ihre einzelnen Teile und hebt sie durch verschiedene 
Farben von einander ab: 


9234. sidin wären diu seil 
diu besten diu man ie gesach 
ein kolter dar üffe lach 
von rötem samite. 
‚ mit grünem cimite 
was diu liste undersniten. 
Ganz ähnlich ist es mit der Beschreibung von Ringen. Bei Eilhart 
ist er wesentlich Wahrzeichen Z. 6356, ein Zeichen, um die Wahrheit 
von Tristrants Botschaft zu bekräftigen. Das Ding besteht also 
eigentlich nicht für sich, sondern in etwas anderem. Bei Veldeke 
ist es zu sich gekommen, es steht für sich da. Pallas’ Ring: 
7563. daz was röt goldin; 
ezn dorfte niht bezzer sin 
und enwas niht ze kleine, 


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mit einem edilen steine, 
daz was ein smaragdüs grüne. 
Im Roman d’Eneas ist die Parallelstelle ganz farblos: 
5766. molt i ot bien encastone 
un lioncel fait d’un jagonce; 
d’or i aveit bien plus d’une once. 
Im allgemeinen übersetzt also Veldeke nicht, er ist auch nicht weit- 
schweifiger als die frz. Vorlage sondern er füllt den überlieferten Text 
nur mit eigenem Leben. Die Zeichen und der Waffenrock des Turnus 
erscheinen ebenfalls im Farbengewande: 
7268. ein zeichen fürder an der hant, 
daz was gele unde röt, 
7272. ouch hete der helt märe 
einen wäfenrok ane 
alsö getän als sin vane 
röt mide gel samit. 
Vor der Hochzeit des Eneas und der Lavinia sehmücken sich dessen 
Gesellen ; 
12623. des fürden die gesellen 
die zieren wät phellen, 
nüwes gescröten, 
manegen samit röten 
purpur unde grüne. 
Die Farben rot und grün werden durch purpur verstärkt. Die Würde 
und Pracht dieser Stelle wird noch durch die Wortwahl erhöht, durch 
die Häufung von zierde, h£rlich, herlich genüch, ritterliche usw. kurz 
vorher. Veldekes Freude am Leuchten und an der Farbenpracht zeigt auch 
sehr gut die Beschreibung von Kamillens Grab. Ein Katalog von 
Edelsteinen dient wieder zur Erhöhung des Glanzes: 
Das Grab 
9358. — hete in vier sinne 
güter venster viere 
von granäte und von saphiere, 
von smaragden und rubinen, 
von crisoliten und von sardinen 
topazien und berillen. 
9368. daz himelze was obene 
gemüset wol mit golde. 
oder die Kette der Lampe ist aus Gold 9396. 
9408. ein edel jachant granät 
was diu lampade vile güt, 
dorchlühtec röt als ein blüt. 


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Er hat bei allen Beschreibungen soviel Licht und Farbe, daß ja 
nach seinen eigenen Worten selbst die Blumen und das Gras dagegen 
farblos erscheinen. Z. 12633 ff. 


V. Die Minneauffassung Veldekes. 


Die Minne steht durchaus im Mittelpunkt des Epos. In der 
Schilderung zeigte es sich schon, daß Veldeke nicht mehr so sehr 
das Rittermäßige mit seiner brutalen Kraft liebte. Die Dinge sah er 
bereits mit einer verfeinerteren Haltung an. Eine neue Art von Ritter- 
tum kommt herauf, das sich bei Festlichkeiten heimischer fühlt als 
im Kampf, obwohl die Kampfschilderungen sich kaum von denen der 
Vorgänger unterscheiden. Die persönliche Note Veldekes wird hier 
noch verdeckt, aber in den Beziehungen vom Ich zum Du, in der 
Minne, schlägt er doch eigene Wege ein. In den älteren Epen des 
12 Jahrh. spielte sie fast keine Rolle. Bartsch sagt dazu in der 
Einleitung zum Rolandslied (S.XVI): „Es ist ein eisernes Geschlecht, 
diese Männer des Rolandsliedes, jeder weicheren Regung des Gefühls 
fremd, nur erfüllt von dem einen glühenden Glaubenseifer, in der 
Gottesliebe geht jede andere Liebesempfindung auf.“ In der Eneide 
ist das anders geworden. Die Menschen machen sich Gedanken über 
die Minne, aus der allgemeinen Bindung der Gottesliebe wachsen sie 
in persönliche Selbständigkeit hinauf. An die Stelle der Gottesminne 
tritt die Minne zwischen Personen. Sie ist bereits solche Macht ge- 
worden, daß man sie im höchsten Liebesleid zu bannen sucht, entweder 
durch Personifikation oder durch Anrufen der Liebesgötter (s.Z. 1354 f£f.). 
Es ist auch nicht zufällig, daß Veldeke nur die Minne personifiziert, 
die er koninginne nennt und die ihm mit Venus identisch ist. Eneas 
nennt sich Sohn der Minne Z. 11155. Sonst liebt er nie ausgeführte 
Personifikationen, die von der Fama, vom Alter, von der Furcht und 
Krankheit streicht er (s. Behaghel S. CXLIV); auch Fortuna wird nur 
einfach mit dem Namen genannt (s. Roetteken S. 79/80). Die Eneide 
besteht nun aus zwei Liebesperioden, die innerlich wohl zusammen- 
gehören, aber in ihrer Art verschieden sind. Es sind die Dido- und 
die Laviniaepisode. 


1. Die Didoepisode. 


Sie zeigt uns eine einseitige Liebe. Nur Dido liebt Eneas, nicht 
umgekehrt. Die Minne der Dido entsteht auf die übliche Art von 
außen. Frau Venus rührt Ascanius vor seiner Fahrt zu Dido 

803. mit ir füre an sinen munt. 


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Wer ihn zum ersten Male küßt, wird von der Minne gepackt. 
Dies tut Dido: 
824. des wart si zü der stunt vaste bestricket, 
in ir wart erquicket der minnen für vile heiz. 
Das Merkwürdige ist jetzt, daß Dido wohl Ascanius geküßt hat, 
aber Eneas liebt, also einen andern. In der frz. Vorlage ist das 
besser motiviert, indem nämlich Ascanius zuerst Eneas und dann 
Dido küßt Z. 815—20, bei Dido wirkt nur der Kuß besser, denn 
c'est Dido ki plus fole esteit. Sie liebt infolgedessen einseitig. Die 
gegenseitige Liebe fehlt. Dido sieht wohl Eneas mit freundlichen 
Augen an 1305, er hat aber dafür keinen Sinn, er will lieber ruhen 
1310. Beide stehen sich gegensätzlich gegenüber. Wie unbeteiligt 
Eneas ist, zeigt die Tatsache, daß Veldeke nach der Liebesvereinigung 
im Walde nur von Dido und ihren Qualen spricht und in der höchsten 
Liebesnot der Dido denkt Eneas an Abreise: 


1613. Eneas der märe swie wol sö her wäre 
enphangen unde geret, her hete sö geköret 
sin herze unde sinen müt, 
daz her dorch dehein güt 
iemer dä niht belibe 
noch der eren sich verscribe. 

| 
zu Italjen in daz lant. 
dä hine was sin wille, 
des gesweich her aber stille. 
Deshalb ist auch die folgende Stelle nur Phrase von Eneas. Dido 
merkt seine Abschiedsvorbereitungen und macht ihm jetzt allerlei 
Vorwürfe. Da bedankt er sich für die „minne unde trouwe“: 

2058. ich engewan noch nie 
deheines wibes kunde, 
an der ich mer funde 
minne unde trouwe 
des is, liebiu frouwe, 
mime herzen vil leide, 
daz ich von ü scheide. 

Etwas später sagt er allerdings nur noch: 

2096. — — dorch die grözen trouwe, 
die ir mir habet bescheinet. 

Eneas kann Dido überhaupt nicht lieben, da er niemals über die 
Wesensart der Geliebten nachgedacht hat, dies gehört aber zur wahren 
Minne. Nur einmal erwacht die Sinnlichkeit bei ihm, in der Liebes- 
szene im Walde. Er hilft dort der Dido vom Pferde: 


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1830. dö müste daz werden, 

des lange gegeret was. 

dö nam der höre Ensas 

die frouwen under sin gewant. 
wol geschaffen her si vant. 
her begreif sie mit den armen. 
do begunde ime erwarmen 

al sin fleisch und sin blüt. 


Diese am Körper erwachende Sinnlichkeit gehört nicht zur 
rechten Minne. Sinnlichkeit hat überhaupt nichts am Hofe der Liebe 
zu suchen. Wahre Liebe ist Geburt des Herzens und der Augen und 
dann ist sie auch andauernd. Die einmal entstandene Glut wird 
immer mehr angefacht. Bei Eneas aber verlöscht diese rein körper- 
liche Sinnlichkeit wieder, und nach der Szene im Walde erfahren 
wir nichts mehr über ihn. Dido entwickelt sich gegen ihn, sie kommt 
aus einem gewissen Schwebezustand nicht heraus. Es tut ihr wohl, 
wider ihn zu sprechen: 


1233. ir tete vile baz, 
daz si zi ime saz 
unde si wider in sprach, 
daz was ir möre gemach 
dan si üf eime bette läge... 


Sie will weggehen und Eneas allein lassen. Sie kann nicht aufstehen, 
und als ihr Eneas dabei behilflich ist, da ist es ihr 
1254. vil aneminne 
und etwas später sind ihr alle Dinge 
1340. widerfüch. 
In ihrem Gemüt herrscht immer eine gewisse Gespanntheit der Ge- 
fühle. Als sie in den Wald reiten will, ist sie froh und doch quält 
sie die Minne: 
1787. Frou Didö was des vil gemeit, 
daz der here Eneas bi ir reit 
und 1792. ir herze daz was milde 
von des hören minnen, 
trotzdem | 
1798. diu minne dwanc si sere. 


Sie kommt ihr auch 

1335. ze unsanft ane. 
Im Roman d’Eneas fehlt diese Gegensätzlichkeit, da steht ganz ein- 
fach, daß sie 

1502. por s’amor ert en grant peine. 


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Und in diesem Schwebezustand bleibt auch Dido trotz der Versicherung 
Veldekes, daß rechte Minne Wunden schlägt und heilt: 


1888. daz is der rehten minnen art. 
ez is genügen wole kunt, 
swen si rehte machet wunt, 
sal her iemer wol genesen, 
daz müz mit ir helfe wesen. 
Im allgemeinen ist ihr die Minne „unsinne“, sie ist wohl gesund, 
aber auch krank dabei: 


1460. „swester, ich bin al gesunt 
unde enmach doch niht genesen.* 
„swester, wie mach daz wesen? 
ich wäne, frowe, ez is minne.“ 
„ja, ja, swester, mit unsinne,“ 
Die Zwiespältigkeit fehlt im Roman d’Eneas; ihre Schwester fragt 
1274. — Quei avez donc? — 
und sie antwortet: 
„Falt me li cuer, nel puis celer, jo aim. 
Zwischen den zwei Polen des Befriedigtseins und des Unbefriedigt- 
seins wird Dido hin und her geworfen. Selbst nach der Liebesszene 
im Walde wird ihre Unruhe nur gedämpft. Sie ist ruhig, froh und 
doch wieder unfroh: 


1873. Dö was diu frouwe Didö 
beidiu rouwich unde frö. 


und was iedoch des unfrö, 

daz si sö schiere alsö 

sınen willen getete dorch sö wenige bete 
und etwas später 


1893, Ir was gesenftet ein teil, 
iedoch enwas niht heil 
diu wunde von der strälen, 


Ruhe gibt es nicht. Ein Zustand wird durch den entgegen- 
gesetzten abgelöst. Die einseitige Bannung des Gefühls gelingt Veldeke 
nicht. Das Neue ist, daß die Liebenden nicht einfach sehnsüchtig, 
begeistert, traurig oder froh sind und die Liebe tut auch nicht bloß 
kalt und heiß usw., sondern durch sie werden schon innere Gemüts- 
erregungen ausgedrückt. Diesen Gemütszustand suchte Veldeke nicht 
durch die Sprache zwischen zwei Pole zu spannen: kalt und heiß, 
sondern er suchte auch in der Sprache den Schwebezustand auszu- 
drücken. Es ist dieselbe Art der Liebe, von der Goethe einmal in 


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einem Briefe vom 27. Juni 1770*) an Katharina Fabricius, kurze 
Zeit vor der Leidenschaft zu Friederike Brion, spricht: 

Wenn ich Liebe sage, so versteh ich die wiegende Empfindung, 
in der unser Herz schwimmt, immer auf Einem Fleck sich hin und 
her bewegt, wenn irgend ein Reitz es aus der gewöhnlichen Bahn der 
Gleichgültigkeit gerückt hat. Wir sind wie Kinder auf dem Schaukel- 
pferde, immer in Bewegung, immer in Arbeit, und nimmer vom Fleck. 

Der Parallelstelle im frz. Text fehlt natürlich wieder diese Ge- 
spanntheit. Dido macht sich hier noch gar keine Gedanken, sie ist 
nach der Liebesszene freudig und betört ihr inneres Gewissen, in- 
dem sie sagt „qu’ele est s’espose:“ | 


1530. H s’en retornent a Cartage. 
Ele demeine joie grant, 
nel ceile mais ne tant ne quant, 
molt s’en faiseit liee et joiose; 
ele diseit qu’ele est s’espose, 
ainsi covreit sa felonie. 

Das Innere ist der frz. Dido noch verschlossen. Bei Veldeke 
aber unterhalten sich Dido und ihre Schwester über die Minne. Dido 
fragt sich, wie sie Eneas ihre Minne mitteilen könne; sie wagt es nicht 

1650. si hete gerne gesehen, 
daz her des gerüchte, 
daz hers an si süchte. 
Bevor sich Dido ersticht, schreibt sie sich allein alle Schuld zu: 


2356. ichn wil üch niht schelden, 
wande ir sit es äne scholt, 
ir wäret mir genüch holt, 
ich minnete üch zunmäzen. 


Die frz. Dido aber kommt nie zu dieser reflektierenden Haltung, sie 
schiebt Eneas die Schuld zu, er hat sie verspottet Z. 1977. und 
dann klagt sie: 
1979. De lui n’avrai ge mais confort, 

nel verrai mais, ce m’cst avis, 

ne vendra mais en cest pais. 
Sie bleibt also ganz äußerlich, Eneas war ihr Mittel, sich die Lange- 
weile zu vertreiben. Er war von hoher Geburt „et de celestiöl lignage“ 
Z. 1286. und Anna sagte ihr, daß sie durch ihn Macht erlangen 
würde. In der Nacht nach seiner Ankunft denkt Dido an ihn, sie 
sieht ihn körperlich vor sich, ganz scharf. 


*) Der junge Goethe, herausg. von Max Morris, Leipzig 1910, II. Bd. 8.6. 


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1225. son vis, son cors et sa figure, 
ses diz, ses faiz, sa parleure 

und als sie nach dem Namen ihres Geliebten gefragt wird, kann sie 
mit voller Sicherheit sagen: 

1282. ce est li Troiens vasals. 
Es besteht also im frz. Text eine körperliche Beziehung zwischen 
Dido und Eneas. Diese unterdrückt Veldeke, bei ihm geht die Minne 
nicht nur durch das Auge, sondern auch durch das Herz und des- 
halb gibt Dido nicht den Namen an mit der Sicherheit der frz. Dido. 
Es tut ihr weh, ihn zu nennen und dann erscheint er in Fetzen aufgelöst : 


1523. ich müz ü sagen sinen namen 
swie sere sö ich mich schamen. 
daz nennen tüt mir vile we. 
her heizet, „sprach si, der E 
und dar näch NE“ uber lank, 
alsö sie diu minne dwank, 
& si vollespräche AS. 
Die Didoszene endet damit, daß sie sich ersticht. Anschließend 
folgt die Lehre 
2422. al wäre si ein wise wib, 
sie was dö vil sinne lös. 
daz sie den töt alsö kös, 
daz quam von unsinne. 
ez was unrehtiu minne. 
Ihre Schwester Anna wiederholt noch einmal etwas später: 
2466. daz quam von unsinne. 
ir mindet in zunmäzen: 
dorch daz habt ir verläzen 
üwern lib und gröze öre. 


2. Die Laviniaepisode. 


Das Wesen der Minne bestand im ersten Teil in der Einseitig- 
keit, es war „unrehtiu minne“. Die beiden Liebenden entwickelten 
sich gegeneinander. In der Laviniaepisode kommt nach dem anfäng- 
lichen Hin- und Herschwanken ein klarer Schein zum Durchbruch. 
Eneas und Lavinia erleben jetzt gemeinsam allen Liebesschmerz durch 
und können sich deshalb auch aneinander entwickeln. Nach der 
herkömmlichen Art kommt die Liebe von außen. Sie beginnt dadurch, 
daß Amor den Schuß abgibt, als sich Lavinia und Eneas in die 
Augen schauen. Lavinia erhält von Frau Venus den Liebesschuß, 
als sie auf der Burg steht und Eneas am Festungsgraben sieht: 


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9876. dö schöz si frouwe Vönüs 
mit einer scharphen sträle. 


Ebenso ergeht es Eneas, der vor die Burg reitet und Lavinia am 
Fenster findet: 
10778. ir antluzze her besach, 
daz alsö minnechlich was. 
dö markte Eneäs 
ir ougen unde ir munt: 
dö schöz in Amör sä ze stunt 
mit dem goldinen gere eine wunden söre. 
Die Liebe kann jetzt von zwei Seiten wachsen. Lavinia läßt Eneas 
einen Brief hinüberschießen und da geschieht das, was Dido immer 
erwartet hatte: 
10754. des im sin herze wart al beweget 
10762. do begonder sich versinnen 
und jetzt kann auch erst ein rechtes Minneverhältnis entstehen, nach- 
dem Herz und Sinn verwandelt sind: 


10930. ich wände min herze wär sö vast 
gesigelet mit solhem sinne. — 


nü is verwandelet min sin. 
Schon vorher freut er sich: 
10765. wand in sin herze erlühtet was, 
es ist nicht mehr wie Dido sagte 2219 äne minnen oder 2227 steinen. 
Er denkt auch, genau wie Lavinia, über das Wesen der Geliebten 
nach, und solche gegenseitige Minne muß zum glücklichen Ende führen 
trotz alles Ungemachs vorher, Die Minnekrankheit ist dieselbe wie 
bei Dido: 
9884. want si bran und si frös 
in vil korzen stunden; 
9890. sie wart unmäzen heiz 
unde darnäch schiere sal. 
wande si unsanfte qual, 
si switzete unde bebete 
unsanfte sie lebete, 
sie wart bleich und röt. 
Die Minne selber ist 
9919. daz freisliche ungemach und 
10039. wie senfte sie wäre. 
10043. dise unsenfte swäre. 
Im Roman d’Eneas steht dafür nur: 
8097. Ge cuit, mien esciönt, jo aim. 


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Diese Spannung senfte — unsenfte und vorher in der Didoepisode 
fehlt im frz. Text. Veldeke läßt aber auch die gewöhnlichen Pole: 
kalt und heiß, bleich und rot usw. nicht als feste Punkte bestehen. 
Er spannt die Minne nicht in feste Grenzen und deshalb ist Dido 
dem Eneas nicht nur holt, sondern 
845. — — unmäzlichen holt, 
wande si gröze undolt in ir herzen verhal. 
Sie leidet auch vil michele nöt und 856. ungemach gröz. An den 
eigentlichen Liebesstellen finden sich dann kennzeichnenderweise sehr 
viele Wortbildungen mit der Vorsilbe un-; diese Worte werden sehr 
oft noch durch vil, gröz, michel u. a. gesteigert Sie fassen den 
Gemütszustand nicht völlig und deshalb sucht man die Worte immer 
mehr zu steigern. 
1980. frouwe Didö was vile unfrö. 
2048. diu clage tüt unmäzen we. Dido muß 
2169. vil unfrölichen leben, da ihre Minne 
2397. ungehüre ist. Sie ist 
2382. zunsanfte uberladen, sitzt auch 
2014. unsanfte bei Eneas, der ihr 
2438. zunheile geboren wurde, weil sie ihn 
2467. zunmäzen liebte. 
1381. si leit michel ungemach, do. Z. 1443. 
2076. gröz ungemach. 
Am häufigsten findet sich vile unfrö Z. 1980, 2002, 2169, 2361, 
2363, 2456 u. ö. Dieselbe Art der Übersteigerung findet sich in 
der Laviniaepisode. Ihr ist es 
9890. unmäzen heiz, wande si unsanfte qual, 
unsanfte si lebete. Sie liebt Eneas 
9987. zunmäzen und 
9991. diu starke minne bringt sie 
9992. üzer sinne. Venus hat sie 
9997. unsanfte verwunt und ihr wird nun 
9999. der starken minne ungemach kund. Sie ist 
10009. dem Troiär alze holt und die Minne ist 
9919. daz freisliche ungemach oder die 
10043. unsenfte swäre. Sie ist Eneas 
11211. von herzen holt und doch 
11227. ir herzen was we. Lavinia sagt selbst 
11264. ich bin im üzer mäzen 
beidiu holt unde gram. 
Die Zahl der Beispiele ließe sich noch vergrößern. Das Entscheidende 
ist nur, daß Lavinia nicht in dieser dumpfen Zerrissenheit zu beharren 


Wittkopp 4 41 


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braucht. Einmal findet sie an Eneas eine Stütze, der dieselben 
Qualen wie sie durchmachen muß; und dann weiß sie nach der 
Minnelehre ihrer Mutter, daß der Minnen ungemach süze ist 2.9705 und 
9713. rüwe kumt näch ungemache. 
Ferner kann sie Wonne und Ungemach scheiden, während Dido im 
letzteren stecken blieb. Lavinia und Eneas müssen die Minnekrank- 
heit und die Minnezweifel gemeinsam auskosten. Als nämlich Eneas 
nach der Besiegung des Turnus nicht gleich zu ihr kommt, packt 
sie der Zweifel: 
12470. si sprach „wie füget sich diz sö, 
daz der edele Troiän 
sus ungefüchlich hät getän, 
daz her mich niene gesiht ? 
desn getrouwetich im niht, 
ob sin dink wole quäme, 
daz her min niht war näme. 
Aber auch Eneas läßt die Minne während der Nacht nicht schlafen: 
12508. diu Minne liez im ir maht 
vil unsanfte schinen, 
wander fröwen Lavinen 
des äbendes niht hete gesehen. 
.... Lavinen ... 
12514. diu mir allez ungemach 
ze gütem ende habet braht. 
Die Episode endet zum Schluß glücklich: 
12703. „mir is vil wol (sprach Enöas) 
gesenftet, dä mir w6 was 
die wile daz ich üch vermeit“. 
Schon vorher sagt er 
11125. sälich si diu Minne 
und sie gibt ungeheure Kraft. 

Zur Gegensätzlichkeit der Wortwahl könnte man den Einwand 
erheben, daß sie gar nicht Veldekes Eigentum ist, sondern daß er 
hier schon mehrere Vorgänger gehabt hat. Man hat ja gerade daraus 
z. B. Eilhart und Veldeke von einander ableiten wollen (Knieschek, 
Behaghel, Felix und van Dame haben darüber geschrieben). Im 
Alexander haben wir z. B. folgende Antithesen: 

4906. leit und lieb (der Brief); do.6590. Das Wasser ist 
4962. bitter und süze und güt. Die Mädchen sind 
5217. beide cleine unde gröz. Skorpionen sind 
4980. beide wiz unde röt und das Heer wird ein- 
mal 4022. bleich und röt. Die Boten des Darius scheiden 


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nach einer nutzlosen Fahrt 
583. trürig unde unfrö und frö. 
Weitere Beispiele Z. 2050; 2103; 4139; 4175; 4907; 4962/64; 4980; 
6140; 6590; 6799. Auch Veldeke hat alle diese Antithesen noch 
(Beispiele bei Roetteken), aber darin weicht er von seinen Vorgängern 
ab, daß er mit Hilfe der Antithese einen neuen Lebenszweig hinzu- 
erobert, die Minne Dazu finden sich bei Eilhart bereits Ansätze; 
es handelt sich aber um Stellen, deren Urheberschaft von einigen 
angezweifelt wird und die als spätere Einschiebsel erklärt werden 
von irgend jemand, der Eilhart wieder modern machen wollte; das 
ist die Ansicht von Knieschek, Behaghel und Felix; van Dame hin- 
gegen schreibt die Stellen als original dem Dichter Eilhart zu. Die 
Antithesen sind jedenfalls bei Eilhart sehr allgemein gehalten und 
dann sind sie auch nicht durch die innere Zerrissenheit der Personen 
bestimmt. Tristrant und Isolde lieben sich, sie werden 
2363. beide bleich unde röt. 
2377. sie wordin heiz unde kalt. 
Isalde hat von der Liebe gehört 
2461. daz si sanfte und süze were, 
Sie fühlt in der Minnekrankheit, wie sie abwechselnd heiß und kalt 
wird Z. 2497 ff. Von der Minne selber wird uns gesagt, daß sie lehrt: 
2447. ...., uns hat die Minne 
gelöret solche sinne 
daz wir an in gedenken: 
nu en turre wir sie nicht krenken 
mit deheiner slachte sinne, 
Die Minne tut weh: 
2454. des en häte ich ni keinen wän, 
daz sie töte alsö rechte we. 
Die Minne tut sanft und süß: 
2458. von ir mir liep unde güt 
dicke vil gesaget is: 
ja was ich arme des gewis, 
daz sie sanfte und süze were. 
nu is sie mir leidir worden swöre. 
unde als ein ezzich sür, 
Die seelischen Vorgänge und die inneren Spannungen gerade in der 
Minne drückt Eilhart also nicht antithetisch aus. Seine Antithesen 
bleiben in der äußeren Sphäre stecken. Er hat statt der inneren 
seelischen Beziehungen viel mehr Sınn für die recht bunten und 
zweifelhaften Erzählungen, die wild durcheinander gewirbelt werden 
oder an den Verwicklungen, die sich den beiden Liebenden immer 


4* 43 


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wieder entgegenstellen. Die Minne selber entsteht durch einen Zauber- 
trank und der enthebt Tristrant jeder sittlichen Verantwortung. Für 
die Beteiligten bleibt die Minne durchaus etwas Äußeres, erst Veldeke 
verlegt sie in die Personen. 
Hartmann ist bereits über die Gegensätzlichkeit der Minne hinweg. 
Die Züge körperlicher Wirkung, wie das Schwitzen, der Mangel an 
Durst usw. fehlen völlig. Sie ist bei ihm vergeistigt. Leib und 
Seele werden nicht mehr zerstört wie in der Didoepisode, sondern 
die Seele spornt den Leib zu mutigem und männlichem Handeln an. 
Hartmann steht völlig jenseits der Hemmungen Veldekes: 
Erec 3701. und g&be se niht sö richen muot, 
son wre der werlt niht sö guot 
noch sö rehte wage, sö ob man ir verphlage. 
Er weiß auch sehr genau, daß jedem sein Lohn bereitet wird, der 
ehrlich mit ihr ringt: 
3708. swer aber ir geswislichen 
ze rehte kunde gephlegen, 
den lieze si niht under wegen, 
im war der lön von ir bereit 
daz in sin arbeit niht endorfte riuwen. 
Und bei Gottfried ist endlich die Minne nicht mehr die dunkle Macht, 
die man im höchsten Leid zu bannen sucht, sondern im Tristrant 
teilen Riwalin und Blanscheflür ihr Herz einmütiglich und völlig gleich. 
Die Minne ist keine unsenfte swäre mehr wie bei Veldeke, sondern 
es ist 
Fr. 913. diu süeze minne geworden. 
927. diu rehte minne, diu wäre finrsrinne 
und die Minnekrankheit ist 
1070. der süeze herzesmerze. 


VL Die Syntax. 


Roetteken hat die Syntax Veldekes sehr eingehend untersucht, 
so daß ich mich im allgemeinen auf einige charakteristische Fälle 
beschränken kann. Auf der einen Seite hat Veldeke den damals 
üblichen parataktischen Stil, daneben aber hat er auch vollkommen 
selbständige Satzbauart.e Die Beschreibung der Sibille zeigt z.B. 
völlige Parataxe: 

2717. grüwelich was ir lib. 
ime enwart nie dehein wib 
alsö wunderliche kunt. 
swarz und kalt was ir der munt. 


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die zene stunden ir dunne 
und wären ir lank unde gele. 
ir was der hals und diu kele 
swarz unde gerumphen. 
si selbe was gescrumphen 
in böseme gewande ... 
Weitere Beispiele Z. 3194 ff., 2930 ff. Bisweilen wird die Parataxe 
noch durch paarweise Ausdrücke verstärkt. 
2932. — do gesägen si lüte äne zal, 
die weinden unde liefen, 
si scriwen unde riefen, 
beidiu man unde wib. 
naket was aller ir lib. 
si liefen vor unde wider 
daz wazzer üf unde nider ... 
Weitere Beispiele Z. 2942; 3041; 7736; 3184; 2930; 7340/98; 
6380/6406; 7479 ft. 
Ein sehr gutes Beispiel des parataktischen Satzbaues ist die 
Beschreibung des Höllenhundes: 
3194. her hete driu houbet 
gröz und egisliche. 
her sach sö freisliche, 
im was diu porte bevolen. 
sin ougen glüten sam die kolen, 
daz füre im üz dem munde flouch 
3210. her was rüch betalle, — — 
sin lib was im bewassen al 
mit nateren und mit slangen, 
mit korzen und mit langen, 
mit grözen und mit kleinen, 
an armen unde an beinen, 
an handen unde an füzen. 
Dem Bestreben, die Sätze parataktisch nebeneinanderzureihen, so daß 
sie allein durch den Sinn verbunden sind, steht das andere entgegen, 
die Sätze zu binden. Diese Bindung erfolgt nun nicht so sehr durch 
Konjunktionen, sondern gewissermaßen von einer Mitte aus, durch 
Worte. Zu diesem Worte ziehlen schon vorher Fürwörter und am 
Ende solcher Periode setzt Veldeke gewöhnlich noch einen festen 
Balken darunter, indem er dasselbe Verb wiederholt. 
69. sine frunt her zü im nam, 
sine mäge und sine man, 
mit in her sprechen began 


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der herzoge En£as, 

her sagete in daz dä wär was 
unde waz im was enboten 
und gewissaget von den goten, 
daz sageter sinen holden, 

die sich dä weren wolden 

daz si alle töt müsten sin. 

Die Mitte „der herzoge Enöas“ wird also vorher durch das 
persönliche Fürwort zweimal angedeutet und schließt dadurch die 
völlig parataktischen Sätze vorher zusammen. Das Fürwort wird 
durch sagete erweitert und diese Verbindung schließt in umgekehrter 
Folge die Periode ab: sageter. Eine ähnliche Art zeigt sich 

3272. Eneas der here 
micheln jämer ir gewan 
dö her merken began — 


dö her daz Wunder dö vernam 

unde vore baz quam, 

Eneas der wigant 

michel here her dö vant. 
Ferner Z. 129£.; 552f£.; 526 ff. 

Einer größeren Periode verleiht man Festigkeit und Halt, indem 
man das Bestimmungswort an das Ende setzt. Die Periode erhält 
so eine durchaus geschlossene Form. 

222. dö daz Eneas gesach 

daz sich daz mere slihte, 

sin houbet her üf rihte 

der wol gelobete wigant. 
Die erste Periode erhält durch eine längere Bestimmung des Wortes 
„Eneas® ihren Abschluß. Der Zusammenhang mit der nächsten 
Periode wird durch „gesach“ hergestellt. Dies Wort wird durch 
„daz lant“ erweitert und damit schließt die zweite Periode wieder. 
Merkwürdig ist der starke Abschluß am Ende einer Periode: 

her gesach von Libia da2 lant 

und die berge vile hö. 


) 
233. daz si ze lande quämen 
und die habe dä nämen 


| 
242. unz si quämen ze lande. 


Eine ähnliche Art der Bindung findet sich im nächsten Beispiel: 
2988 ff. dö gesach der Anchises son 
daz im seltsäne was. 


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der märe helt En£as 
gesach ein schif dar uber gän, 
swarz und ubile getän, — 
dar inne gesach der helt balt 
einen egeslichen vere — 
3022, dö daz Eneas gesach, 
dö fragete der Troüre.... 
Weitere Beispiele Z. 2625ff.; 193; 856; 2259; 2319/22/25/27. 
Für Veldekes Arbeitsweise ist es überhaupt sehr charakteristisch, 
daß die Konjunktionen, ausgenommen dö, keine rechte Rolle spielen. 
Er bindet die Sätze, indem er einige Worte als feste Pfeiler hinsetzt. 
Die Sätze werden so ineinander verklammert und geben den Perioden 
außerdem noch ruhende Punkte. Ich möchte wieder nur einige be- 
sonders auffällige Beispiele herausheben. Von Z. 75557604 wird 
das Wort „Turous“ angespielt: 


Turnüs Ebenso Z. 7618—7695 
Turnüs der heilt küne Turnüs 
Turnüs der riche Turnüs 
Turnüs der helt nase 
Turnüm den herzogen der helt riche 
Turnüs der helt balt der helt balt 
der heit snel Turnüs 
der ran Turnus. Turnüs der heit lussam. 


Diese Kernworte geben dem Satzgefüge ein sicheres Gerippe; 
um sie gruppiert sich alles übrige. Andererseits geben sie dem Satz- 
gefüge etwas Fließendes, ein Wort weist auf das andere hin. Bei- 
spiele dieser Art sind gerade sehr häufig: Z. 7340, 7355, 7357, 7392, 
1372, 7398, 7527, 7530, 7534, 7541, 7552, 7556, 7559, 7745, 
17825, 7841, 7845. 


7918. Eneas 7919. Pallantem dem werden 
7926. Enöas der riche 7933. Der junge kunich Pallas 
7953. der Troiäre Eneas 7946. der edele Töte, 

7963. den edelen Troiäne Pallas sin geselle 

7970. Ene&as 7948. Pallantem den jungelink 
71973. En&as der riche 7975. sin lieben vehtgenöz 
8000. En&as der höre 7979. edel ritter Pallas. 


8041. Enöas 


47 


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8049. 
8132. 
8369. 
8374. 
9091. 
9221. 


9228. 
9252. 


9305. 
9309. 
8051. 
8069. 
8084. 
8089. 
8102. 
8108. 
8114. 
8127. 
8151. 
8218. 


Eneas der milde 
Enöas der Troiän 
En&as der wigant 
Enöas ir höre. 
diu Frouwe 
Kamille 


Kamille der richen 
Kamille, schönez bilde, 
reiniu maget 

Kamille diu riche 
Kamille diu werde 

der junge kunich Pallas 
der junge Pallas 
schöner sun Pallas 
lieber sun junge 
Pallas lieber sun min 
lieber sun Pallas 
einiger sun min 
Pallas, lieber sun 
liebez kint 

der junge degen der 
märe helt Pallas 


9061. 
9071. 
9078. 


9089. 
9321. 
9356. 


9348. 
9374. 


9413. 


8223. 


8243. 
8251. 
8263. 
8284. 
8321. 
8339. 
8344, 
8357. 


Kamille diu werde 
diu frouwe 

diu kuniginne riche 
Kamille diu höre maget. 
Kamille 

Kamille, der edelen 
kuneginne 

Frouwe Kamille 
Frouwe Kamille, diu 
märe und diu riche 
Kamille diu riche. 


Pallas 

Pallas der starke 
Pallas der küne 

der helt Pallas 

des kuneges sun Pallas 
Pallas 

der junge kunich Pallas 
Pallas 

der höre Pallas. 


In den bisher angeführten Beispielen war das Substantiv 


gewissermaßen die Mitte, um die sich alles übrige gruppierte. 


In 


der häufigen Wiederholung desselben erhielten die Perioden auch 


eine Festigkeit. 
übernehmen. 


und Ende einer Periode dasselbe Verb: 


858. si leit vil michele nöl. 
si wart röt, dar näch schiere varlös: 
ir was heiz und si frös. 
si was von minnen alsö wunt; 
sine weste sich war kören 
st leit michel arbeit. 


48 


660, 


666. 


| 
dö si alle wären gereit 


Die Stelle des Substantivs kann auch das Verb 
In der einfachsten Form erscheint dann am Anfang 


oder: 


vil wol si sich gereiten 
mit hörlichem gewande 


sö ez heren wol gezam 


| 
673. die (ritter) wären ime alle gereit. 


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Das Verb dient hier zum Abschluß einer Periode In den 
folgenden Beispielen steht es mehr innerhalb des Satzgefüges; die 
Sätze werden durch diese Art parallel aneinandergefügt und sind 
eigentlich nur nach unten gebunden durch Beibehaltung desselben Verbs: 


4145. dö sprach si mit zorne 
| 
4159. sie sprach mir is zoren:... 


4199. Aber sprach diu kuneginne usw. 


Weitere Beispiele finden sich Z. 1444, 1454, 1456; 1487, 1488, 
1491, 1517, 1519, 1521, 1526, 1531, 1532; 1549, 1559, 1571, 
1582, 1600; 3997, 4005, 4014; 4245, 4283; 4390, 4417, 4458, 

Die größte Rolle spielt „sprach“: 

1927, 1932, 1936, 1940, 1943, 1947 gespräch, 1444, 1454, 
1456, 1487, 1488 sprechet, 1491, 1517, 1519, 1521, 1526, 1531, 
1532 sprechet, 1549, 1559, 1571, 1582, 1600; 2045, 2065, 2095, 
2109, 2135, 2150, 2161, 2173, 2254, 2287, 2322, 2350, 2391, 
2418, 2438, 2455, 2540, 2559, 2586, 2605, 2611, 2749, 2768, 
2900, 2923, 3025, 3105, 3069, 3067, 3046, 3155. 3164, 3181, 
3369, 3459, 3772, 3786, 3788, 4963, 4965 spriches, 4981, 5291, 
6299, 5317, 5344, 5382, 5383, 5433; 5850, 5862, 5877, 5889, 
5927, 5939, 5956; 6088, 6099, 6108, 6154; 8403, 8486, 8489, 
8553, 8576, 8581, 8634, 8667, 8685; 9428, 9433, 9453, 9497, 
9661 usw. 

quämen: 274, 279; 976, 989, 990; 4512, 4515, 4578, 4618, 
6620, 4654, 4988, 4994; 5012, 5018, 5032, 5052, 5070, 5076, 
4064, 5102, 5104, 5113, 5108; 5994; 6020, 6024, 6047, 6065, 
5080; 6243, 6251; 6610, 6622, 6654, 6656, 6686, 6700, 6705; 
6871, 9899. 

lusssam: 702, 703, 5054, 5078, 5100, 5107, 5173; 5993, 
6048, 6079, 9872, 9900, 9936, 10557, 10607, 10665, 10686. 

sach, gesach: 709, 714, 719; 1176, 1195, 1213, 1289; 1804, 
2962, 2985, 2988, 2991, 2994, 3065, 3137, 3139. 

gröz: 1109, 1120, 1169, 1153, 1156, 1164. 

borch: 1182, 1189, 1193, 1204, 1214; 5331, 5370, 5377, 
5427, 5468, 5483. 

bette: 1259, 1262, 1269, 1279; 1321, 1325, 1338, 1352. 

du sält: 2556, 2569, 2580. 2585, 2594, 2595, 2599. 


Manchmal dienen sogar Sätze dazu, die Perioden parallel von- 
einander abzutrennen: 


2540. Eneäs, sprach her, sun min. Derselbe Satz kehrt 2.2559, 
2586, 2605, 2611; 3580, 3593, 3661, 3679, 3681, 3689 und öfter 


49 


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wieder. Auch das folgende Beispiel zeigt die eigenartige parallele 
Satzfügung: 
482. uns hät harde gerret 

unsanfte tormint. 

uns hät weter unde wint 

misseliche getriben ; 

uns ist daz leben küme bliben 

vor des meres unden. 


Die einzelnen Sätze stehen völlig parallel nebeneinander. Die 
Gleichmäßigkeit wird noch dadurch erhöht, daß die Sätze durch dieselben 
Worte eingeleitet werden. Weitere Beispiele: 


2643. dö dem hören diu vart (1) 
zü der helle geboten wart, 
daz duhte in vile freissam., 
dö her des morgens üf quam (2) 
under sin heimliche man, 
mit in her sprechen began. 
dö saget der here Em£as (3) 
al daz ime enboten was 
sinen hergesellen. 


Die Perioden sind parallel aneinandergefügt durch dö und werden 
erst durch „her“ und „der höre Enöas“ gebunden. Im nächsten 
Beispiel wird diese Bindung von mehreren Perioden durch Wieder- 
holung des Verbs hergestellt: 

7326. dö gemischeten sich die scharen 


| 
dö gieng ez an daz striten. 
dö wart dä manech gröz slach 


| 
wart dö michel gedrank. 
da worden die schilde und die helme verscröten. 


| 
da wart blütich manech forch. 


Das Kernstück liegt also in der Mitte. Ähnliche Beispiele finden 
sich Z. 7411ff.;, 7736— 7745. 

An dieser leichten Bauart der Satzkonstruktionen liegt es wohl 
auch, daß die Perioden sehr oft durch eingeschobene Sätze, die meist 
gefühlsbetonter Art sind, zerrissen werden. Die Eneide ist jedenfalls 
besonders reich an solchen Beispielen: 

104. do gesach der here Enöas 
daz im vile leit was, 
daz man daz lant wüste oder: 


50 


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182. 


si erscheinde im zeinem mäle 
unsanfte ire maht 
dri tage und dri naht. 


Ferner Z. 251; 325; 375; 474; 908; 962/63; 1110/11; 2649/51. 
Sehr oft wird auch das Attribut durch solchen eingeschobenen Satz 
von einem Substantiv getrennt: 


714. 


885. 


gesach en beiden siten 
magede unde frouwen, 

die in wolden schouwen, 
gezieret unde gebunden oder: 
wand ir der here Emeas 

ein vil lieber gast was 

und alle sine gesellen. 


2478. ritter unde frouwen 


1038, 


weinden vile söre, 

den si güt und öre 

dä bevoren hete getän. 

— done was under al dem here 
nieman alsö helfelös, 

dö man mich dar üz erkös. 


Dö-Konstruktionen. 


Die dö-Konstruktionen spielen bei Veldeke eine besondere Rolle. 
In einigen schon angeführten Beispielen fügte dö die Sätze parallel 
nebeneinander. Es 
Beispiele bringe, möchte ich noch etwas zur Übersetzungstechnik 
Veldekes einfügen, das damit in einem gewissen Zusammenhang 
steht. Im allgemeinen gibt nämlich Veldeke fast nie ein Wort aus 
der frz. Vorlage nackt wieder, sondern er stellt noch eine Bestim- 
mung dazu; ich greife nur einige Beispiele heraus: 


erfüllt noch andere Aufgaben. Ehe ich hierfür 


1. Menelax 2. kunich Menelax 

781. Ascaniüs 801. der jungelink Ascänjüs. 
2580. La prestresse 3247. Sibille diu wise, 

2603. Cerberus 3254. Cerberus der arge 
2621. Eneas 3281. Enöas der wigant 
4085. Camille 5261. Camille diu riche 
6403. la corone 8202, ein goldine kröne 
1070. dras 1006. güt gewant usw. 


Zweireihige Erweiterungen: 
2. Troie 


3. Troien die richen 
vil gewaldechlichen 


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721. Dido 726. — frouwe Didö 
diu märe und diu riche, 


2937. Lavinia 3633. diu schöne Lavine 
diu junge winje dine 
4889. Turnus 6467. Turnüs der wigant 


der helt küne unde gemeit. 
5880. Le Troien 7772. — der Troiän 
der junkhöre riche. 


7859. Fille 9589. scöne Lävine, 
liebiu tohter mine. 
6907. Camille 8732. frou Kamille 


diu märe und diu riche. 


Dreireihige Erweiterungen: 


2950. Romulus 8662. Romülüs 
der märe und der riche 
der vil gewaldechliche 

7061. Tarcons, 8915. der ritter Tarcün 

uns Troiens ein harde hobesch Troiän 
unde ein ritter wolgetän. 

7161. Chloreus 9004. der here Chöres 

der Troiäre pröster 
unde ir &we möster. 

Veldeke setzt also das Wort fast nie allein hin, sondern er 
umgibt es mit einer Anzahl von Bestimmungen. Ganz entsprechend 
stellt er auch die Perioden nicht hart und fest nebeneinander wie 
der Roman d’Eneas, sondern er rundet sie ab, stellt Beziehungen 
zum Vorhergehenden her. Diese Aufgabe übernimmt im allgemeinen 
dö. Im Roman d’Eneas steht z. B. ganz hart: 

700. Molt s’apareilla bien de dras. 

Bei Veldeke: 

688. Dö was er näch sime site 
gekleidet hörliche. En&as der riche 
der was ein schöne man. 

Im R. folgt: 
701. et monta en un palefrei. 
703. et chevalcha dreit vers Cartage. 
Veldeke: 694. do reit der here Enöas 
mit den sinen mannen 
herliche dannen mit einer schönen schäre. 
Der Roman d’Eneas setzt ein: 
906. A un matin — — — 


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Veldeke rundet ab und fügt noch einen Satz ein: 
978. Als dö quam der morgen 
unde lieht wart der tach. 
Ebenso: 
1445. A un matin — — — 
1664. dö quam ir daz in ir müt 
daz si des wart ze räte eines abendes späte. 
Nach der Beschreibung der Inschrift an Didos Grab geht es im 
R. ohne Zusammenhang mit dem Vorhergehenden weiter: 
2145. Eneas est en halte mer. 
Veldeke schiebt hier die Gedanken des Eneas über Didos Ende ein 
und fährt dann fort: 
2523. Dö was der höre dannen 
gevaren mit sinen mannen 
verre üf den höhen se. 
Pallas wird eingeführt: 
4654. Pallas, ki esteit fiz le rei. 
V. 6044. dö hete der kunich märe 
einen sun, der hiez Pallas. 
Turnus hat Pallas erschlagen: 
5753. Morz et — — — 
Veldeke setzt nicht so rauh ein: 
1527. Dö lach Pallas dä erslagen. 
Oder: 
5763. Turnus le vit mort devant sei, 
un anel.... 
V. 7555. Dö Turnus gesach, daz der helt Pallas lach 
und töt viel vor im an den sant, 
ein vingerlin..... 
Turnus hat Pallas getötet. Er wird dann durch einen Sturm 
mit seinem Schiffe von dem Heere getrennt: 
5796. la nes sen vfÄlt — — — 
V. 7612. dö löste sich daz ankerseil 
dä daz schif mit was gehaft. 
In der Laviniaepisode wird erzählt, daß die Königin allein in 
ihrer Kemenate sitzt. Der R. sagt da 
En sa chambre esteit la reine. 
Veldeke verknüpft: 
9580. dö was diu kuniginne 
eines äbendes späte in ir kemenäte — — 
Diese Art läßt sich das ganze Buch hindurch verfolgen. Niemals 
stellt Veldeke die Perioden hart und gedrängt nebeneinander wie 


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der frz. Dichter. Er rundet ab durch dö, dabei füllt er die Perioden 
noch auf, meist durch gefühlsbetonte Einschiebungen. Eneas wird 
in der Unterwelt von seinem Vater empfangen. Der Frz. sagt ganz 
kurz: | 
2817. Avant ala, st vit son pere. 
Veldeke knüpft durch dö an das Vorhergehende an und schiebt 
noch ein: 
3577. Dö her ze sinem vater gienk, 
minnechliche er in enphienk 
her hiez in willkomen sin. 
Sehr charakteristisch für Veldeke ist das folgende Beispiel: 
Eneas hat Boten zur Dido geschickt, diese kehren jetzt zu ihm 
zurück: 
644. contr'els ala et se or dd — — 
Daraus macht Veldeke: 
599. Ingegene in her dö gienk, 
minnechliche her sie enphienk 
mit frölichem müte, 
dö ime die boten güte 
nähen begunden. her sprach — — 
Oder: 
693. Eneas dist a ses barons. 
V. 638. zü sinem volke er wider quam 
frölich und offenbäre, 
Weitere Beispiele Z. 5374/76; 5378/81; 9058 usw. 

Das einfache dö diente bisher dazu, den Zusammenhang mit 
dem Vorhergehenden herzustellen. Es kommt auch doppelt vor, 
wobei das erste dö die Sätze gewissermaßen aufrollt, während das 
zweite dö die Sätze wieder bindet: 

R. 7026. Mesapus un enchalz lor fait 
et Camille, ki o lui fu. 

V. 8900. Dö Messäpüs mit dem van (1) 
die Troiäre rande an 
und Kamille diu maget 
dö worden sie gejaget (2) 
wole vier acker lank. 

Daran schließen sich Perioden, die ganz lose und parallel ge- 
fügt eine Kampfschilderung bringen: 


8905. da wart michel gedrank 
| 
dä zehiewen sie die schilde 


) 
dä wart von dem blüte — 


94 


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Manchmal wird ein Satz aus der frz. Vorlage in solche langen dö- 
Perioden aufgespalten: 


4699. Pallas les a menez tot dreit 

la o li reis ses pere esteit. 
Bei Veldeke: 

6077. Dö sagetez ime Pallas 
und füurdin dä der kunich was, 
Dö der helt lussam 
vor den alden kunich quam 
do enphieng in minnechliche 
Evander der riche 
dö sagete ime Endas — 


dö der kunich daz vernam, 

sin geslehte erkander 

dö sprach der kunich Evander — 
Ganz ähnlich ist es im nächsten Beispiel. Dabei wird sogar zwei- 
mal dasselbe gesagt: 

7136. Turnüs in die borch sprank 

mit 50 heliden snelle siner hergesellen. 

Dö Turnüs in der borch was, 

dö beslöz der rise Bitias 

daz tor hinder ime zö. 


71148. dö was din porte zü getän, 
Was Z. 7136 ausdrückt, wird durch dö nochmals aufgenommen. 
Ebenso 7140 u. 7148. 
Lavinia denkt des Nachts immer an Eneas: 
8445. Molt traist la nuit mal la meschine. 
Diesen Satz spaltet Veldeke wieder auf: 
10331. Dö Lavine al die naht 
mit dem leide alsus vaht, 
daz ir diu varewe abe nam, 
und sie des morgens üf quam, 
dö was ez verre üf den tach, 
und si ir müder besach, 
daz si sö ubele was gevar, 
dö wart si vile wole gewar — 
Sie sieht vom Turm des Pallas aus Eneas: 
8047. Lavine fu en lor tor sus, 
d’une fenestre esguarda jus, vit Eneas lei fu desoz. 
Veldeke bringt wieder erst eine Verbindung zum Vorhergehenden: 


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9853. Dö gehabete En6as 
engegen des kuneges palas 
beide er und die sine 
dö was din maget Lavine 
gegangen üf ein palas hö 
dö sach diu junkfrouwe her abe. 


Zusammenfassung. 


Vom äußeren Umfang ausgehend bezeichnete Firmery Veldekes 
Eneide als Übersetzung des altfranzösischen Roman d’Eneas, deren 
Charakter im allgemeinen in der Weitschweifigkeit bestünde. Sieht 
man aber vom äußeren Umfang ab und vergleicht die beiden Texte 
lediglich ihrem Gehalt nach, so sieht man erst die grundverschiedene 
Art der beiden Dichter. Veldecke steht auf der Grenze zweier Kulturen 
und übernimmt nicht einfach den frz. Text, sondern er deutscht ihn 
ein und bildet ihn um. Im Roman d’Eneas herrscht im allgemeinen 
das Hochrittertum mit einem ausgesprochenen Standesgefühl. Didos 
Stellung wird so z.B, durch Vergleich mit Königen u. a. besonders 
hervorgehoben, bei Veldeke ist sie einfach „frouwe Didö“. Aus ihrer 
höfisch-ritterlichen Welt heraus sieht sie an Eneas lauter ritterliche 
Eigenschaften neben der äußeren Erscheinung: 

1225. son vis, sou cors et sa figure 
ses diz, ses faiz, sa parleüre 
und an einer anderen Stelle ist Eneas 1282, li Troiens vasals, mit 
dem sich niemand an Reichtum, Geburt und Tapferkeit vergleichen 
kann, 
1295. ni vi home de nul parage 
tant fust riches ne proz ne sage, 
sagt Dido. So etwas unterdrückt Veldeke. Die verschiedene Haltung 
der beiden Dichter zeigt sich am klarsten, als sich Eneas in der 
Unterwelt befindet und sein Vater Anchises ihm die Nachkommen- 
schaft zeigt. Veldeke genügen die Namen dieser Nachfolger. Der 
Franzose hebt aber wieder ihre besondere Stellung hervor, Silvius 
soll z. B. König sein und wieder Vater von Königen; dessen Sohn 
soll dem Vater natürlich an Schönheit und Tapferkeit gleichen. Bei 
Veldeke soll er seinem Vater „an Haut und Haaren“ gleichen. 

Dem standesgemäßen Gefühl des frz. Dichters entspricht selbst- 
verständlich auch ein Sinn für Etikette. Bei Begrüßungen werden 
uns alle Vorgänge bis ins Einzelne erzählt, wie Dido Eneas ent- 
gegengeht, wie er vortritt und sie grüßt. Oder es wird erwähnt, 


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daß man sich vor dem Essen die Hände wusch. Veldeke läßt das 
alles weg. Er hat mehr Sinn für das nicht von der höfischen Etikette 
eingeengte Mahl. Als die Trojaner in Italien landen, erzählt er z.B. 
mit aller Breite, daß sie sich ganz bequem hinsetzen, was sie auf 
das Brot legen und daß sie in ihrem Hunger selbst die Schüsseln 
mitessen. Veldeke geht in der Verneinung des ritterlichen Stils so 
weit, daß er sogar ritterliche Attribute der Helden tilg. Von den 
Attributen 
6492. — proz, bels, genz des Pallas 
beibt nur noch 
8284. des kuneges sun Pallas 

und der durch Tapferkeit und Schönheit berühmte Eneas (im frz. Text) 
ist für Lavinia nur noch 9863. der minnesälege Troiän. Seine Ge- 
folgsleute werden im R. immer mit „Seignor“ angeredet, Veldeke 
macht daraus „liebe frunt min“ Z. 8406. u. ö. Bei der Beschreibung 
der Kamille Z. 3961 ff. hebt der Franzose immer wieder ihre Tapfer- 
keit hervor, Veldeke preist dagegen ihre Schönheit. Der frz. Dichter 
hat also Schönheit und Tapferkeit gleichgeordnet nebeneinander; bei 
Veldeke ist die Tapferkeit fast völlig verschwunden, Dies zeigt sich 
am besten in der Art der Nachrufe, die man gefallenen Helden widmet. 
‘ Denn hier kann sich der frz. Dichter ebenfalls nicht freimachen von 
dem Gedanken an den Körper, den Ruhm und die Ehre. In ihren 
letzten Augenblicken denkt Dido immer noch an Ehre, Macht, Namen 
und Ruhm; an Pallas’ Bahre werden noch einmal zum Beweis seiner 
kriegerischen Tüchtigkeit die Waffen der von ihm getöteten Krieger 
gezeigt und Pallas’ Vater trauert nicht um den Sohn, den er nun 
verliert, wichtiger ist ihm die Frage, wer jetzt sein Reich erhalten 
und damit seine Ehre fortpflanzen wird. Um diese Begriffe: Ehre, 
Ruhm und Name gruppiert sich alles übrige. Bei Veldeke ist diese 
Haltung verdeckt. An der Bahre werden nicht mehr die Beutestücke 
des Pallas gezeigt und in der Klage seines Vaters ist ebenfalls das 
briegerische Element mit dem Lobe der Tapferkeit u. a. ausgeschaltet. 
Dieser Sohn war seinem Herzen vielmehr ein Licht; mit ihm sind 
nun Freude und Wonne hin. Ganz ähnlich läuft die Klage über 
Kamillens Tod. Der Franzose stellt Tapferkeit, Schönheit und Lob 
gleichgeordnet nebeneinander; Veldeke erwähnt kein Wort von ihrer 
Tapferkeit, nur das Lob der Schönheit und der Tugend bleiben bei 
ihm. Mit einer gewissen Einschränkung kann man sagen, daß im 
frz. Text der Rittergedanke als ästhetisches Ideal durchaus im Miittel- 
punkt steht. Ehr- und Ruhmsucht, Tapferkeit und Ritterlichkeit 
haben noch nichts von ihrer alten Kraft eingebüßt. Veldeke läßt 
das alles weg und betont mehr das ethische Element, Nur zeitweise 


Wittkopp 5 57 


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erinnert er sich an den ritterlichen Grundton. Die Tugend überstrahlt 
ihn, und wer viel Tugend hat, den müßten die Götter eigentlich im 
Kampf beschützen ; so motiviert er in der Leichenklage um Kamille. 

Ein anderes Element ist die Beschreibung von Dingen der Um- 
welt. Er sieht viel sinnlicher als der Franzose, und mit einer fast 
verschwenderischen Fülle von Worten beschreibt er z.B. an Pallas’ 
Grab die Lampe. Von der Rüstung des Eneas gibt er alle Einzel- 
heiten an. Er bemüht sich dabei, die Dinge ihrem Aussehen nach 
zu beschreiben. Ob es sich um die Beschreibung eines Pferdes oder 
um den Bau einer Burg handelt, jedesmal verliert er sich in Einzel- 
heiten. Diese Eigenheit zeigt sich am besten bei der Hochzeit von 
Eneas und Lavinia. Der Franzose begnügt sich mit wenigen Worten, 
Veldeke beschreibt mit einer Unermüdlichkeit sondersgleichen die 
Kleidung von Eneas, seine 50 Ritter, die in Samt und Seide glänzen. 
Zu der Pracht der Kleider tritt noch die laute Freude der Beteiligten, 
der Einzug und die Musik der vielen Spielleute. Man könnte meinen, 
diese Eigentümlichkeit Veldekes sei bedingt durch den Zeitstil. Es 
zeigt sich aber, daß auch bei den Zeitgenossen die Freude am Ritter- 
lichen überwiegt. Man hebt hervor, daß die Waffen stark und 
mächtig sind, daß die Schwerter gut schneiden und der Helm so fest 
ist, daß er nicht durchhauen werden kann. Veldeke erwähnt dies 
auch zuweilen. Wichtiger ist aber doch das sinnliche Element: 
Glanz und Farbe ziehen weit mehr als die Stärke der Waffen. Dazu 
kommt das Bestreben, das Einzelne möglichst zu betonen. Von Didos 
Jagdanzug wird uns z.B. jedes einzelne Kleidungsstück angegeben. 
Die Besonderung wird noch dadurch verstärkt, daß jedes Ding eine 
eigene Farbe hat. Die frz. Parallelstelle geht anders; denn der 
Franzose hat noch mehr Sinn für das Wunderbare, für Wundervögel 
des Meeres u.a. Am offensichtlichsten ist Veldekes Eigenart beim 
Ausritt des Eneas zum Kampf. Lavinia zählt alle Sachen auf, die 
im Kampf schützen: das Haarband schützt den Kopf, der Ring das 
Schwert usw. Das Einzelne vertritt also in gewissem Sinne zugleich 
das Ganze oder umgekehrt das Ganze ist in einzelne Teile zerspalten, 
wobei jeder Teil dem Ganzen gegenüber seinen Eigenwert hat. Es 
ist philosophisch gefaßt der Standpunkt des Nominalismus, der sich 
hier zeigt. Diese neue Schau der Dinge sieht auch die Welt anders. 
Veldeke beschreibt uns eine Person, indem er ihr Äußeres angibt, 
die Farbe der Kleider, den Stoff usw.; bei Eilhart besteht Isalde 
hingegen nur aus einer Summe von abstrakten Eigenschaften; auch 
sonst begnügt sich Eilhart bei der Schilderung von Frauenschönheiten 
mit ganz allgemeinen Redensarten. Veldeke entdeckt die bunte 
Sinnenwelt; gerade diese sinnliche Freude an ihrem Schein und Glanz 


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fehlt den Zeitgenossen: bei ihnen herrschte noch alte ritterliche Welt 
mit der Freude an der rohen Kraft und Gewalt. Starke Brust, große 
Kraft in den Armen, Gewalt und männlicher Sinn sind die Charakte- 
ristika dieser Helden. Aber Sinn für die Qualität der Oberfläche 
hat eben nur Veldeke, höchstens Hartmann nähert sich ihm hier etwas. 
Diese Art der Schilderung erhält sogar zuweilen fast weiblichen 
Charakter, das Seil von Didos Hund z. B. besteht aus Seide, damit 
sie sich nicht schneiden könne; Eneas’ Schild ist unten mit Samt 
besetzt, und sein halsperch ist so beschaffen, daß man sich darin so 
gut rühren kann 5647. als in [einem] lininem gewant, trotzdem die 
Rüstung eines Rittes so schwer war, daß er sie nur im Augenblicke 
des Bedarfs anlegte. Bei der Beschreibung der Gewänder war noch 
die Gespanntheit innerhalb der Worte bemerkenswert. Die Borden 
am Halse sind z.B. enge und auch weit, ebenso die Sattelbogen. 
Diese Gespanntheit tritt noch einmal in den Liebesepisoden hervor. 
Ein besonderes Kapitel behandelte die Wahl der Farbe. Die 
harten und kalten Farben traten gegenüber den warmen sehr zurück. 
Rot, weiß-gelb und grün stehen dabei an erster Stelle Grelle Farben 
sucht er jedesmal durch Hinzusetzen von warmen Farben zu mildern. 
Die Farben dienen nun wieder dazu, ein Ding vom andern abzu- 
heben. Ein Vergleich von Kamillens Pferd mit dem von Philipp aus 
dem „Alexander“ zeigt die besondere Art Veldekes. Auch im 
„Alexander“ leben die einzelnen Dinge, sie bestehen aber nicht 
selbständig nebeneinander, sondern man vergleicht sie mit andern 
Sachen. Die Augen z. B. gleichen denen eines Adlers, das Maul 
gleicht dem eines Esels usw. Das Ding besteht nicht für sich, es 
wird nicht von einem andern durch die Farbe abgesetzt wie bei 
Veldeke, sondern man erfaßt es nur durch Vergleich mit einem andern. 
Im Mittelpunkt des Epos stehen zwei Liebesepisoden, die Dido- 
und Lavinia-Episode Sie sind voneinander unterschieden; in der 
ersten Episode, dem Beispiel einer unrechten Minne, bleibt sie ein- 
seitig auf Dido beschränkt; in der zweiten faßt sie beide Personen, 
Lavinia und Eneas. Diese Leute kommen nie aus einer gewissen 
Gespanntheit der Gefühle heraus: Dido ist froh, ihr Herz ist mild 
und doch wird sie von der Minne gequält; sie ist gesund und wieder 
krank. Zwischen diesen zwei Polen des Befriedigtseins und des 
Unbefriedigtseins wird sie hin- und hergeworfen. Das Neue ist dabei, 
daß Veldeke die Liebenden nicht einfach begeistert, sehnsüchtig oder 
traurig sein läßt, die Liebe macht auch nicht nur kalt und heiß, er 
versucht überhaupt nicht den Gemütszustand zwischen zwei feste 
Pole zu spannen, sondern er bemüht sich vielmehr in der Sprache 
den eigenartigen Schwebezustand auszudrücken, Die einfachen Aus- 


b* 59 


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drücke „holt“, „froh“ usw. werden dabei bis zum Extrem gesteigert. 
Dido ist so Eneas 1845 „unmäzlichen holt*. Diese Steigerung der 

Worte geschieht sehr oft durch die Vorsilbe un-, die noch durch 
“ michel, vil, gröz und andere Wörter verstärkt wird. Man will auf 
jeden Fall die Minne ihrem Wesen nach fassen und sieht ein, daß 
die Worte nicht ausreichen. Sie können das Gefühl nicht bannen. 
Deshalb umspielt man den Begriff und es kommt dann der eigen- 
artige Schwebezustand heraus. 

Auch die Syntax Veldekes ging eigene Wege. Neben der alten 
und üblichen Art der Parataxe zeigte sich das Bestreben, größere 
Maße hinzusetzen. Diesen Maßen gab man ein festes Gefüge, indem 
man den Zentralbegriff in die Mitte stellte und von dieser Mitte aus 
die übrigen Satzteille band. Einige Worte standen als feste Pfeiler 
da und sie gaben dem Satzgefüge ein festes Gerippe Eine beson- 
dere Stellung nahmen noch die dö-Konstruktionen ein. Keiner hat 
sie wohl so viel angewandt wie Veldeke. Sie entspringen dem 
Bestreben, niemals die Perioden hart und fest nebeneinander zu 
setzen, sondern abzurunden, 

Veldeke hat also einen eigenen Kunststil; dieser sieht die Dinge 
nicht eindeutig und fest umrissen; sie bestehen ihm vielmehr in der 
Vielheit und Farbigkeit. Deshalb hat ihn wohl nur Gottfried von 
Straßburg richtig erkannt, wenn er meint, aus seinem „ris“ seien 
„este ersprungen, von den die bluomen kämen“. Und sollte nicht 
auch gerade wegen der Neuartigkeit und Pracht der Schilderung mit 
der Vorliebe für das Einzelne Landgraf Ludwig von Thüringen Ge- 
fallen an dem Werk gefunden haben ? 


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